Think Bike, Think Birmingham (I)

1.
Wir erzählen unserem Nachbarn, dem Weitgereisten, dass wir nach Birmingham (UK) fahren. „Die Kinder besuchen“, sagt die eine. „Das Motorradmuseum besuchen“, sagt der andere. Der Nachbar steht in der Terrassentür.k-01 CARTOON.jpg

Ich erzähle Bonnie von unserem Nachbarn.
Bonnies Auspuffkrümmer laufen blau-violett an.
„Ignorant! Sauerkrautfresser! Schwabe dreimal vernagelter.“ Bonnie kommt gar nicht mehr von ihrer Erregung herunter. „Wo ist denn der stehen geblieben? Birmingham, das ist Power, das ist Industrie, das ist Motorradindustrie.“
Bonnies Scheinwerfer versinkt in träumerischer Erinnerung. „Ach, ich kannte damals in Birmingham einen Bullen.“
„Einen was???“
k-03 bull+bonnie.jpg
„Mein Gott, was waren wir verspielt.“
Sie schweigt, dann wischt sie sich mit dem linken Spiegel über den Scheinwerfer: „Ach, das ist eine lange Geschichte.“
Und dann ein langer Seufzer.
„Oh Birmingham, du Stadt, wo die Motorradschmieden glüh‘n.“
Ich schaue Bonnie an. Die Gute ist auch stehen geblieben, bei Goethes elegischen Jamben und in den 60er Jahren des letzten Jahrhunders, bei AJS und dem café racer*, bei Matchless, Norton, BSA, den wunderschönen Royal Enfields und den schnellen Triumphs, alles Bikes, die die Welt beherrschten – bis die japanischen Reispuffer sie hinwegfegten.

Nun ist unser Nachbar weder Schwabe, noch fressen Schwaben Sauerkraut, und drei Mal vernagelt sind sie schon gar nicht. Aber ehe ich Bonnie die Feinheiten der deutschen Stämme erläutern kann, kommt ihre Frage: „Wann fahren wir los?“
Ich hole tief Luft. Diese Frage habe ich erwartet. „Bonnie“, sage ich und lege den ganzen Schmelz, den meine Stimme noch aktivieren kann, in diese zwei Silben, „Bonnie, 1200 Kilometer bei Wind und Wetter, der Regen beißt sich in deiner Kette fest und schmiert dir den Scheinwerfer zu.
950 Kilometer auf der Autobahn. Du siehst nichts, hörst nur das Fauchen verhaltensgestörter SUVs und das Jaulen seelenkranker Kawasakis.“
Ich sehe, wie sich Bonnies leuchtend blauer Tank eintrübt, wie ein leichtes Grauen die Auspuffrohre erzittern lässt.
Ich setze noch eins drauf. „Und dann“, flüstere ich, „im düsteren Bauch der Fähre,
k-02 bonnie-fähre end png.pngangekettet, allein unter Autos, den Elementen hilflos ausgeliefert, ja, das kann ich dir doch nicht zumuten.“
Ich will noch hinzufügen, “in deinem Alter“, aber das schenke ich mir, denn ich habe nicht vor, jetzt irgendwelche Altersstadien zu diskutieren.
Auch ist dieser Hinweis nicht mehr notwendig. Bonnie lässt die Blinker hängen.
„Ach ja“, stöhnt sie, „wir sind doch beide in die Jahre gekommen.“
Wie? Was? Ich in die Jahre gekommen? Wie kommt die denn da drauf?
Ehe ich mir diese Frage beantworten kann, höre ich: „Aber bring mir was mit.“
Wie schafft dieses Bike es nur immer, mich mit einem schlechten Gewissen ins Haus zu entlassen.
Drinnen wartet die Frau. Wir packen die Koffer.
     Anmerkung: * Siehe Holger van Claus: Ausbruchsversuche, 2018, S. 71 oder  hier.

2.
Dass es so etwas noch gibt! Der Bodensee-Airport Friedrichshafen. Durch die Tür direkt ins Flugzeug … k-04 FN
… und ab in die Luft. Und dann, zack, zack, in Birmingham wieder runter.

Dort erwarten uns neben den Kindern zwei Katzen, …katzen.jpg
… die drei Golden Boys: Boulton, Watt und Murdoc –  Geschäftsmann, Erfinder, Ingenieur. Neureich-schick stehen sie auf ihrem vergoldeten Sockel aus Portland Kalkstein und diskutieren den Plan einer Dampfmaschine.
Oder doch nicht? Die Brummies** sind sich sicher: „Golden Boys? Rubbish, carpet salesmen, that is what they are.”k-05 golden boys.JPG
Ob Teppichverkäufer oder vergoldete Heroen der technologischen Geschichte, wir haben Hunger …k-06 sausages
… und dann trennen wir uns. Sie schlendert entlang der alten Kanäle …k-07 hafen.JPG
… ich mach mich auf zum National Motorcycle Museum (NMM).k-08 nmm
Das verschlägt mir den Atem. Das muss ich Bonnie erzählen, und ich fotografiere die Speicherkarte voll.
Und eine Woche später schweben wir wieder über dem Bodensee, – täusche ich mich, oder winkt die Bonnie von weit her zu uns empor? – setzen etwas …k-09 home flug Kopie.jpg
… wacklig auf, und schon stehen wir vor dem Haus.
Da steht auch die Bonnie. Die hat kalte Fußrasten.
Am gefrosteten Scheinwerfer kleben noch die Mücken der letzten Tour durch den Schwarzwald. k-10 Winter 1-korr
Bonnie röchelt: „Eine Woche rumstehen, eine Wochen Bodenseenebel, und du machst dir schöne Tage in Birmingham. Haste mir wenigstens was mitgebracht?“
Ich habe ihr etwas mitgebracht, aber jetzt bin ich müde. Wir gehen ins Haus, und schon liegen wir in unseren Betten.
Ich schlafe unruhig. Von unten steigen leise Wortfetzen zu mir empor. „… you hear me, mate … bloody cold … a pampered sissy he is …me out here in the cold … and this at my age …”
Ich weiß: Das ist Bonnies Art, mir zu sagen, dass sie eine beheizte Garage will. Und schon wieder packt mich das schlechte Gewissen.
Anmerkung: ** Die Brummies sind keine Kapitäne der Landstraße, sondern die Ureinwohner von Brummagem or Bromwichham, beides historische Varianten des Namens Birmingham.

3. Ich muss jetzt erst mal den Saibling in die Pfanne hauen.

 

 

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