Bonnie und die Magie des Schwarzwaldes

Zum Nachfahren
01 tour Kopie.jpgHin: Uhldingen – Aach – Engen – Bonndorf im Schwarzwald –Schluchsee – Lenzkirch – Todtnau – Schönau – L123 – Münstertal
Zurück: Wembach – St Blasien – Rothaus Brauerei – Tengen – Mühlhausen – Ludwigshafen am Bodensee – Uhldingen

Komme gerade von meinem Orthopäden. Jung ist er und fährt hinterm Haus in seiner Freizeit ein übermotorisiertes Drift Trike.01drift bike
Na, mein Ding wär’s nicht, aber jung? Das wär schon mal was.
Wie dem auch sei. Der kleine Finger meiner rechten Hand schnappt. Wir diskutierten über die mögliche Beeinträchtigung des Motorradfahrens. Er wollte sich da nicht festlegen.
Was kann man auch von einem windigen Drift Trike Fahrer anderes erwarten!
Habe mich also mit der Bonnie ausgesprochen. Der war nicht ganz klar, was ein Schnappfinger ist. Bonnie hat keine Finger. Ich empfehle ihr, bei Wikipedia unter ‚Schnellender Finger‘ nachzuschauen.
Bonnie kann das nicht. Sie hat keinen Zugang zu einem PC.
Armes Schwein.
Ich erklärte ihr die Anatomie eines schnappenden Fingers. „Mein lieber Junge“, sagte 02 schnappfingerBonnie, „wo ist das Problem. Du musst nur die Finger über den Bremshebel kriegen, dann ist alles in Butter.“
Ich kriegte sie über den Bremshebel, und da lag der kleine Finger wie eingeschnappt und haute die vorderen Bremsbacken zusammen, dass die Vordergabel fluchend in die Knie ging.
„Siehst du. Habe ich doch gesagt.“ Die Bonnie war sehr zufrieden mit sich. „Und morgen fahren wir in den Schwarzwald.“
Sie stieß mir mit dem linken Lenkerende in die Seite. „Es ist Frühling. Nun zeig mal, dass dich ein Schnappfinger oder was auch immer für ein gerontologischer Scheiß nicht aus den Stiefeln hauen kann.“
Bonnie, die englische Lady. Die ist immer für eine Überraschung gut.

Also in den Schwarzwald. Bonnie erwartet mich ungeduldig. Im Tankboy ein Gebinde Räucherlachs und ein Satz Radieschen. Das Navi zeigt an: „Schwarzwald Tour 1 – 364 km“. Südlicher Schwarzwald.
Der Einstieg: Überlingen – Aach – Engen – Blumberg – Bonndorf – Schluchsee. Und dann – das Navi verdreht die Augen, die Bonnie strahlt – geht es kreuz und quer.
Oh, isn’t it wonderful.
Wir segeln los. Die Aach in friedlichem Morgenlicht. Diese Stille. Ach, was liebe ich diese Stille. 03 aach2.JPG
Bonnie liebt diese Stille nicht. Bonnie muss sich mitteilen. „Wusstest du, dass hier fast alle Flüsse Aach oder Ach heißen?“ Weiß ich und Aach heißt Fluss, und Ach heißt es auch. Ich reiße den Gashahn auf und Bonnie ist still.

Bald brummeln wir in dem malerischen Engen durch die noch menschenleeren Gassen. 04 engen-rathaus-klDie Bonnie am Marktplatz abgestellt und in einer verschlafenen Bäckerei Brötchen gekauft, dem die Kürbiskerne zwinkernd aus den Ohren schauten.
Und schon geht es in abenteuerlichen Serpentinen von Blumberg runter nach Achdorf. Ich freue mich auf das Wutachtal, und mit einem kühnen Schlenker an dem frisch restaurierten Gasthaus Scheffellinde  vorbei will ich mich in das frühlingsgeschwängerte 06 scheffellinde.jpgTal schwingen, da geht Bonnie in die Bremsen.
Mein Schnappfinger schnappt nach Luft, mir haut es fast den Kopf auf den Lenker.
Wir stehen. Ich hau das Visier hoch.
„Bonnie!!!“
Bonnie stellt ihren Motor ab. Ich bin empört. Das Abstellen des Motors ist meine Sache. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder macht, was nicht seine Gott gegebene Aufgabe ist.
Bonnie ist auch empört. „Scheffellinde! Da kannst du doch nicht so einfach vorbeirauschen. Das ist deutsche Kultur.“
Wenn jetzt noch die Frage nach dem kommt, was zu Deutschland gehört, dann lasse ich ökologisch inkorrekt der Bonnie im Wutachtal das Öl ab.scheffel
Gott sei Dank, die Frage kommt nicht.
„Scheffel, du kennst doch Scheffel, seit 1876 von Scheffel.“
Ich kenne ihn nicht.
„Du Banause, du lebst hier mit unter den schwäbischen Badensern und kennst nicht Scheffler. Du bist doch Deutschlehrer.“
Ich schlucke. Gleich wird Bonnie, die literaturbeflissene englische Lady, wieder einmal auf ihr kulturelles Podest steigen.
„Der Trompeter von Säckingen? Na, was sagt dir das?“
Säckingen? Der turban fahrende Sikh auf seiner Royal Enfield kann ja wohl nicht gemeint sein. Der spielt nicht Trompete.
Dann klingelt etwas in meinem antiken Hirn.
„Aber klar doch“, rufe ich, und nehme den Helm ab, „war Satchmo auf seiner Deutschlandtour nicht mal in Säckingen gelandet und hat auf dem Rathausmarkt …“
Bonnie haut mit den Fußtasten auf die Bürgersteinkante.
satchmo„Du Doppelbanause. Satchmo! Herrje, Louis Armstrong war 1965 mit seinen All Stars in Erfurt, Leipzig und Magdeburg aufgetreten …“
„Was, in der DDR?“
„Das war doch auch Deutschland.“
„Ja, sicher, irgendwie schon.“
Bonnie äfft mein gequältes „Ja, sicher, irgendwie schon“ nach, da klingelt es in den Tiefen meines antiken Hirns ein zweites Mal: Biedermeier, Innerlichkeit, Gartenlaube und Rosenstock.
1851, Karlsruhe, Schefflers Erstling.trompeter von s
Der Trompeter Werner aus Säckingen liebt die liebliche Margareta, Tochter des hochmütigen Barons von Schönau, der seine Tochter jedoch mit dem feigen Damian verheiraten will. Werner zieht in die Fremde und wird in Rom päpstlicher Kapellmeister. Als der großherzige Papst vom Schicksal seines Kapellmeisters erfährt, ernennt er ihn zum adligen ‚Marchese Camposanto‘. Damit kann die immer noch liebliche Margareta ordentlich und ehrsam und vom Vater gesegnet in die Arme ihres Geliebten fliegen.trompeter2
Die zeitgenössische Literaturkritik zerriss das abenteuerliche Werk, die deutsche Leserschaft liebte es, und Scheffler war ein gemachter Mann.
„Sauber, da ist ja noch nicht alles verloren.“ Bonnie schaut von ihrem Podest herab. „Und nun zur Scheffellinde. Was fällt dir dazu ein?“
Dazu fällt mir nichts ein.
„Na ja“, Bonnie gibt sich versöhnlich, „man kann nicht alles wissen“, und hebt an:
Wohl umpflanzt von Hag und Bäumen
Zeigt mit ländlich schlichten Räumen
Achdorf sich als Ausruhnest.
Aus der dicht verzweigten Linde
Rufen wir dem schmucken Kinde
Maria-Gutta – spring mit dem Glas!

Dann erläutert die Bonnie so ganz nebenbei,- manchmal könnte ich ihr wirklich eine Beule in den Tank treten – dass Scheffler bei seinen Wanderungen am Rande des Schwarzwaldes gerne in Achdorf verschnaufte, weil er sich in die fesche Wirtstocher Maria verguckt hatte.
„Und die hat er dann in der Novelle „Juniperus“ verewigt“.
Ich stöhne. Bonnie und ihre kulturelle Kraftmeierei. Immerhin weiß ich jetzt, woher der Landgasthof in Achdorf seinen Namen hat.
„Okay, das war alles sehr interessant“, grummele ich griesgrämig und drehe den Zündschlüssel. Der Motor reißt die Hacken zusammen, ob die Bonnie will oder nicht, und schon schwingen wir durch das Wutachtal, rechts mündet die Gutach ein, und dann geht es die abenteuerlichen Serpentinen hoch Richtung Bonndorf.
Bonnie murmelt vor sich hin. „Wut-ach, Gut-ach, Wut-ach, Gut-ach, was für eine interessante Namensgebung. Da müsste man mal …“
Aber da sind wir schon am Schluchsee, und mir bleibt erspart zu erfahren, was man mal unbedingt müsste.07schluch.jpg
Und nach Titisee und dem öden Feldberg biegen wir kurz vor Schönau ein in die L123, die Auffahrt nach Münstertal. Bonnie ist ganz aufgeregt. Dorthin ging vor zwei Jahren ihre erste Tour in den Schwarzwald, auch im Frühling. Wir rasierten in freudiger Gemeinsamkeit die Kurven zwischen Schönau und dem Pass, dann ging es runter ins Tal.
Auf halber Strecke machten wir eine Pause. Bonnie bekommt heute noch einen feuchten Scheinwerfer, wenn sie daran denkt, mit welcher Hingebung ich sie an die Picknickstelle 08c rast.jpghoch über dem Tal rangiert hatte , damit sie den Blick über die sonnenbeschienenen Hänge genießen konnte.9b rast 2.jpg
„Ach ja“, flüstert sie, als wir an der Picknickstelle vorbeirauschen – dort stehen heute zwei schwarze SUVs mit Stuttgarter Kennzeichen – „du bist doch ein toller Kerl.“
Ja, da frage ich euch, welcher Kerl hört so was nicht gern.
10 rastplatzUnd sieben Minuten später haben wir unseren heutigen Rastplatz erreicht. Ich parke Bonnie am Rand des staatlich genehmigten Parkplatzes.
Bonnie ist empört. „Bist du blöd? Eben habe ich dir noch die Hand gestreichelt, und jetzt werde ich in die Ecke gestellt? Männer!!!“
Und damit macht sie sich heute das zweite Mal selbständig, rollt über die marode Holzbrücke und atmet tief durch. Am liebsten möchte sie sich wie ein junger Hund im Löwenzahn wälzen.11 münstertal.jpg
Ich wundere mich über nichts mehr. Dieser Tag heute muss wohl ein besonderer Tag sein.
Ich gehe zu der Bank, die immer unter einem schattigen Apfelbaum geduldig auf mich 13 bankwartet, breite meinen Lachs, mein Brötchen und meine Radieschen aus, freue mich über 12 pause.jpgden schönen Tag und halte dann ein meinem, wie war das?, gerontologischen Zustand angemessenes Nickerchen.13b pause
Dann sehe ich auf meinem Smartphone: Am Bodensee zieht Nebel auf.
Ich hole die widerstrebende Bonnie aus dem Löwenzahnfeld. Die Löwenzähne sind ungehalten. Sie haben sich mit der Bonnie angefreundet. Mann, kann die erzählen. Und als sie anfing: „Es war einmal ein Löwenzahn, der wollte die Welt sehen“, da hingen sie verzaubert an ihren Lippen.
„… und als die goldgelbe Mähne des Löwenzahns sich allmählich in ein wunderschönes Büschel von silbergrauem Haar verwandelte, da kam ein kleines Kind, juchzte voller 13c löwenzahnFreude, hob den Löwenzahn hoch in die Luft und blies so kräftig mit seinen kleinen runden Backen, dass der Löwenzahn mit all seinen Zähnen in den blauen Himmel schwebte und von einem freundlichen Wind in die weite Welt getragen wurde.“
Durch die grummelnde Löwenzahnschar hindurch rangiere ich die schmollende Bonnie auf den Parkplatz. Als ich ihr ein schönes Foto mit ihr als special guest vor der Rothausbrauerei hinter dem Schluchsee verspreche, da wird ihr Scheinwerfer ganz weich. „Mit mir? Toll!!! Ich mag dich.“
Wir rauschen an St. Blasien vorbei zu unserem Fototermin.13d rothaus 2 - Kopie.jpg
Glücklich fegt die Bonnie dann durch die Tannen nach Westen. Der Schwarzwald lichtet sich. Meine Blase braucht Entspannung, und so halte ich neben einem schreiend gelben Rapsfeld. Aus den Augenwinkeln sehr ich gerade noch, wie Bonnies Scheinwerfer seinen Blick träumerisch über das lockende Gelb streifen lässt.
Ich freue mich, dass sich die Bonnie freut und drehe mich schamhaft um.
Als ich den Reißverschluss wieder hochgezippt habe und mich wieder zurückdrehe, ist Bonnie verschwunden.k-bonnie raps 1
Herrje, stöhnt mein Herz und legt ein paar Takte zu. Läuft denn heute alles aus dem Ruder?
Da sehe ich aus dem Rapsfeld einen Spiegel ragen.
Dann sehe ich meine Bonnie. Die lächelt mich an. „Gelb“, ruft sie, „ach, ich liebe gelb. Ach, ich liebe die deutsche Natur. Ach, wie geht es mir gut.“
k-bonnie raps 2.jpgDann lässt sie sich friedlich aus dem Rapsfeld rollen. Wie sie da hineingekommen ist, verrät sie mir nicht.
Aber der eigentliche Knall erfolgt, als wir uns der Windkraftanlage bei Tengen nähern. Da stockt uns der Atem.
Der Bodensee unter Nebel. Vorn erhebt sich Singens Hausberg, der Hohentwiel aus dem Nebel und aus der Ferne grüßt der Säntis.14 15-11 nebel.jpg
Was für ein atemberaubendes Panorama. Beide sind wir verzaubert und dann hat Bonnie einen Traum.15 bonnie end.jpg
Und dann geht es runter in den Nebel.16 nebel1

2 Kommentare zu „Bonnie und die Magie des Schwarzwaldes

    1. Dafür ist es nie zu spät. Diskutiere das aber erst mal mit Frau und Kindern. Argumentationshilfe: In ein Gespann – für Abenteurer die Ural M 72, für den sorgenden Familienvater Moto Guzzi T5 – passen neben dem Fahrer eine Frau (Beiwagen), ein Kind (Rücksitz), noch ein Kind (Tank) auf das Gespann. Für die Kameraausrüstung ist auch noch Platz (irgendwo).

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s