Kuppelei

Vorwort
„Wer gewohnheitsmäßig oder aus Eigennutz durch seine Vermittlung oder durch Gewährung oder Verschaffung von Gelegenheit der Unzucht Vorschub leistet, wird wegen Kuppelei mit Gefängnis nicht unter einem Monat bestraft.“ § 180 StGB (BRD) des (bis 1969) geltenden Strafgesetzbuches.

Erinnerungen
Grauer Nebel, sogar in den Buchen machen sich die letzten Blätter fertig zum Abflug in den Winter. Melancholie wabert durch das Haus, die Treppe hoch, auf den Balkon (Mein Gott, ist das ein Wetter!), die Treppe wieder herunter zur Terrasse (An der Fuchsie hängen matschige Blütenreste. Mein Gott, wie ist das alles freudlos!). Der Ischias zieht in das Bein, im Radio das Neueste zur Coronalage.
Das Grau wird noch grauer. Aldi hat eine Tageslichtlampe im Angebot. „Fantastische Steigerung des „Glückshormons“ Serotonin. So überstehen Sie glücklich die dunklen Tage“, lese ich.

„Los“, sagte die Frau, „ich muss hier raus.“
Wir fahren hoch zum Donautal. Die Webcam ist sich sicher: Da scheint die Sonne, da gibt’s das Glückshormon umsonst.
03-herbst 4a korrNur um auf der sicheren Seite zu sein, schauen wir im Klosterladen der Abtei Beuron vorbei. Die rührigen Mönche vermarkten dort eine „Beinwell Creme“, von der nicht nur schon Hildegard von Bingen schwärmte, sondern auch mein Ischiasnerv. „Ah“, stöhnt der jedes Mal nach einer kulanten Applikation, „ich fühle mich so wunderbar, so friedlich, so entspannt.“
Und statt einer Tageslichtlampe packen wir einen Apfelbrand „Rubinette“ ein. Der hat bis jetzt immer noch jeden Nebeltag über den See getrieben.
Als wir oben am Parkplatz uns unserem Auto nähern, leuchtet ein Scheinwerfer auf. Das kann doch nicht wahr sein! Dort, am anderen Ende, steht meine Bonnie. Also sie war meine Bonnie, jetzt hat sie ihren Parkplatz in Hausen im Tal.
Meine Frau steigt schon in den Wagen, ich gehe zur Bonnie. Wie begrüßen uns etwas unbeholfen. Über ein Jahr gehen wir nun getrennte Wege, über ein Jahr …
„Wie lange waren wir eigentlich zusammen“, unterbricht Bonnie meine Gedanken. Das ist eine gute Frage, da kommen schon einige Jahre zusammen.
„Warum fragst du das“?
Bonnie verknotet die Kette. Dann kommt es gequält. Sie hat das Gefühl, dass ihr Neuer sich im Frühjahr wohl eine Neue sucht.
Eine Neue was?
„Eine neue Maschine, du Dummerchen.“ Sie zögert. „ Oder sucht der eine neue Frau? Da hab ich gar nicht dran gedacht.“ Sie schaut mich an. „Wie lange bist du eigentlich schon mit deiner Frau zusammen.“
00 dkw rt 250 sDas ist auch eine gute Frage. Wie lange kennen wir uns eigentlich? Da muss ich nachdenken. Das war nach der DKW RT 250 S.

Oder war es sozusagen während? Aber auf jeden Fall vor der BMW R 51/3.
k-05 por 70
Das war damals eine spannende Zeit, als in der Schultüte noch echte Bonschen, Lakritz und Schokoriegel schlummerten und nicht eine Option auf eine Rentenzusatzversicherungspolice. Einige werden sich erinnern.
Da hatte ich meine überschaubaren Kröten in eine betagte, aber wunderschöne BMW R 51/3 investiert, in ein Zelt ohne Boden und in eine Frau. Die BMW war für mich eine gute Investition, das Zelt war eine weniger gute, die Frau war ein absoluter Volltreffer. Warum war sie das? Weil, wie ich schon gleich beim ersten Mal sah: Die hat das schönste Lachen der Welt. (Weil, wie sie gerne behauptet, sie ein festes Gehalt bezog? Falsch, total falsch!!!)
„Ach Bonnie“, sage ich und schaue hinüber zu dem Auto, in dem die Frau auf mich wartet, „ schon lange sind wir zusammen, seit damals, als das Geld knapp war und die Knochen jung, und die Märchen ihren ganz eigenen Klang hatten. Ich erzähle dir ein Märchen aus der Zeit. So richtig zum Träumen ist es allerdings nicht.“
Während die Bonnie mich mit ihrem wunderschönen Scheinwerfer anschaute, begann ich: „Es war einmal ein Student, der war total verliebt – in seine BMW 51/3 und in seine Braut.
Als bei dem Vermieter seiner Studentenwohnung (ein Zimmer, Toilette im Flur) ein Rosenstrauß für den studentischen Untermieter per Fleurop heranflatterte und der Vermieter neugierig fragte, ob da jemand Geburtstag hätte und erfuhr, sein Student hätte sich verlobt (Ich hoffe, du weißt, was ich meine.), da wurde er blass, sah eine Familie in seiner Wohnung Wurzeln schlagen und sich verzweigen, sah seine übersichtlichen Kündigungsmöglichkeiten in einem Wust von Paragraphen ungreifbar werden, und am nächsten Morgen flog der Student in einem hohen Bogen aus der Wohnung auf die Eppendorfer Landstraße.
Da warth guther Rath theuer.
Wer kann so ein Problem lösen? Ein Makler kann das.
Im Maklerbüro Jahrgang 1968. Das Radio im Dudelmodus. Billy Mo verabschiedete sich gerade mit einem Tiroler Hut, als die Beatles ihre Liebeserklärung losließen. Natürlich auf Deutsch.
Das hatte Stil. Die Übersetzung von Camillo Felgen. Sieht jemand meine Augen feucht werden? Kennt den noch jemand, Leute? Der wurde nur getoppt von Tim alias Frank Elstner in der Hitparade von Radio Luxembourg auf dem 49 Meterband der Kurzwelle. Wer den Frank heute sieht, glaubt, ich spinne.
Gott, das sind Erinnerungen. Paul McCartney war der Text schnurz, nur ein „ch“ war total out. Davor flieht die britische Zunge wie der Vampir vor der Knoblauchknolle. Aber „Sie liebt dir“ war natürlich unmöglich. Der Musikmarkt in Hamburg, Köln und München war allemal wichtiger als der in Westberlin.
Aber zurück zum Makler.
Es war einmal ein Makler, der drehte widerwillig mit seiner Hand die Lautstärke des Radios herunter, und es kam zu einem Dialog.
Makler: Sie suchen ein Zimmer mit WC?
Student: Und mit Übernachtungsmöglichkeit für meine Braut.
Makler: Sie sind nicht aus dieser Gegend?
Student: ???
Der freundliche Makler drückte auf den Knopf.
Makler: Tach, Frau Frerichs, ich hab’ hier ‘n netten jungen Mann, ein Student, der sucht’n ruhiges Zimmer. Ich hab’ da gleich an Sie gedacht. Der nette junge Mann hat auch eine nette Braut, die ab und zu mal bei ihm über Nacht zu Besuch sein möchte.
Lautsprecher (bedrohliches Knistern, dann explodieren die Sonnen über Hamburg): Sodom und Gomorra! Wo sind wir denn hier! Ne Braut inne Wohnung? Und die Sittenpolizei unterm Dach, wat? Dat fehlt mir gerade noch. Schicken Se den doch inne Herbertstraße – den Nero! Der weiß wohl nich, wo der Frosch seine Locken nich hat. Dies is kein Bordell, dies is ein anständiges Haus. Hier ist man sauber – (irgendwie kommt sie dabei auf Peter Alexander und Konrad Adenauer, wobei der Telefonhörer dezent errötet), nich so’n Schweinkram wie Willi Brandt und seine Weiber. Ne Braut inne Wohnung, den Kerl sollte man an seine…
Der Makler legte sanft den Hörer in die Gabel. Da hatte ein Student etwas gelernt.

Acht Wochen später knieten wir beide (also nicht ich und der Makler) in der Kirche und zogen mit dem Segen des Pfarrers und des Standesamtes in ein neues Heim – mit zweiflammigem Elektrokocher und eigenem WC – und konnten uns legal im gemieteten Wohnraum der Lust hingeben.

Bonnie schaut mich ganz versunken an. „Ich liebe deine Geschichten“, sagt sie, „schade, mein Neuer redet nur noch von Corona. Vor drei Tagen, als wir nach Sigmaringen brummeln wollten, hat er versucht, mir eine Corona Maske vor den Scheinwerfer zu hängen. Das fand ich schon sehr wunderlich.“
„Jeder hat so seine Ängste“, sagte ich, „sieh es positiv. Er macht sich Sorgen um dich.“

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