In den Westalpen unterwegs – 3. Tag

3. Tag: Valle Maira – 9:15-18:30 Uhr /285 kmk-00 3 tag-pfeil.jpg
Dienstag. Das Valle Maira ist ein Traum für Wanderer. Außer den Wanderern, diversen Murmeltieren und Gämsen bewegt sich hier immer weniger. Die Einwohnerdichte liegt bei ca. 2 Einwohnern/km². Da hat man Platz.
Ob es ein Traum für Motorradfahrer ist, bleibt umstritten. Am Abend werde ich mein eigenes Bild haben.

Mein Campingmöbel, eigentlich ein liebenswertes Stück Rohrgestellt mit etwas Stoff dazwischen, Meister des kleinen Packmaßes und der Bequemlichkeit – hat wohl einen schlechten Tag erwischt und grantelt: „Ein eigenes Bild machen, he? Komm erst mal in die Senkrechte, du Greisenbiker .“
Das Kreuz, das marode, stimmt natürlich zu. „In die Senkrechte! Das ist gut!“ Und dann mit einem höhnischen Knirschen: “Wo er Recht hat, hat er Recht.“
Der Greisenbiker war schon schwer zu ertragen, aber das provokante Knirschen des dritten und vierten Lendenwirbels verlangt nach einer deutlichen Antwort und heroisch quäle ich mich in die Senkrechte. Die Bonnie schaut mir zu mit einer Mischung von Mitleid und Bewunderung, aber vor allem voller Freude, denn sie weiß: Gleich geht‘s los.k-17a campingstuhl text

Zwanzig Minuten später – bei noch klarer Luft – brummen wir hoch zum Col de Vars. Die eben noch nervigen Lendenwirbel schunkeln zufrieden durch die Kurven, denn …

k-18 col de var
… die Auffahrt von Guillestre her schwingt in weichen Windungen und gibt den Blick frei auf die alpine Bergwelt.
k-19 col de var autor
Sie führt vorbei an der historischen Refuge Napoléon, erbaut unter Napoleon III. Er kam damit einem Wunsch seines Onkels Napoléon I nach, der sich in seinem Testament aus Dankbarkeit für die Unterstützung der Bevölkerung von Gap und dem Haute Alpine nach seiner Rückkehr von Elba den Bau dieser Refuges wünschte.
Abwärts nach dem etwas nüchternen Pass geht es in erfreulich kompromisslosen Spitzkehren durch eine Urweltlichkeit, die du entweder liebst oder verfluchst.

Und schon brumme ich durch Saint-Paul-sur-Ubaye. Hier der Versuchung widerstanden, links hoch in das Tal der Ubaye zu fahren.
Über den Colle della Maddalena, der sich trotzt seiner fast 2000 Meter recht undramatisch präsentiert, die Grenze nach Italien überquert.
Bald nimmt der Verkehr deutlich zu, und ich bin ab Demonte auf die Nebenstraße nach Valdieri geflüchtet. Die ist allerdings sogar für ein Motorrad enorm eng.

Über Borgo San Dalmazzo bringt mich die Bonnie in das malerische Dronero.k-20 dronero
Hier nimmt die Tour Fahrt auf. Die Maira hoch bis Acceglio ist nach der nüchternen Strecke bis Dronero eine Erholung, aber ein Grund zum Jubeln ist sie nicht.
Der Jubel kommt nach der Kehrtwende in Acceglio, als es bei es Stroppo links hoch in die Berge geht.

Ein Hinweis vorweg: Die Straße ist knapp bemessen, aber gut fundiert. Für ein Tourenbike kein Problem. Einem ausgewachsenen Chopper mag hier jedoch der Schweiß ausbrechen.
Also los. In abenteuerlichen Windungen schraubt sich die enge Straße immer höher, an einsamen Dörfern vorbei, …k-21 valle maira

… durch weite Blumenwiesen und …k-22 höhenweg

… tief hängende Wolken, die klar abgegrenzte Nebelfronten über die Straße ziehen lassen und der der Tour einen Hauch von verwegenem Abenteuer geben.k-23 nebel

Und durch diese nebelhaften Wolken leuchten die Alpenrosen. k-24 alpenrosen.JPG

Und dann bist du über den Wolken, die mit wunderbarer Ruhe aus dem Tal zum Colle di Sampeyre emporsteigen.k-25 wolkenfelder
Das ewig meckernde Knie ist still, der dritte Wirbel von unten vergisst, mit den Bandscheiben zu knirschen, der höhnisch lächelnden Neigung hin zum finalen Abgang gefriert das Lächeln.k-26 wolkensuppe
Da steigt sie auf die Seele, jubelnd wie eine Lerche im Mai, segelt über den Pass und dann hinunter in das Valle Varaita.
Wenn du warten kannst und das Schräge nicht scheust, hier ein Tipp: Alle fünf Jahre, das nächste Mal leider erst 2022, findet in Sampeyre im Februar ek-27 col agnolin Karneval statt, den du nie vergessen wirst.
Aber das ist noch lange hin. Ich schwinge mich mit der Bonnie durch das Tal, um dann die abenteuerlichen Serpentinen hoch zum Col Agnel bzw Colle dell’Agnello zu fliegen, der Nahtstelle zwischen Italien und Frankreich, die sich ohne touristischen Bikertrubel in einer umfassenden Schönheit präsentiert, die mir den Atem nimmt.
Und als dann auch noch eine freundliche Touristin bereit ist , ein freundliches Foto von einem älteren Herrn mit Bike zu schießen, da war mein Glück perfekt und die Bonnie strahlte.

k-28 Col Agnel 17-06-14

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir beide, also die Bonnie und ich, dort oben
überlegten, ob wir hier überhaupt weg wollten. Aber welches Glück währt schon ewig? Und außerdem war ich hungrig und die Bonnie musste zur Tanke.

Also Helm auf und runter. Schon sind wir in Molines-en-Queyras, dessen 306 Einwohner nirgends zu sehen sind – die sind auch hungrig und umzingeln die Küchentische – und laufen eine Stunde später auf dem Campingplatz ein.

Ach, sagt die frisch betankte Bonnie, das war doch noch eine schöne Tour geworden..
Da hat sie recht, denke ich und streichle ihren Tank, aber nächstes Mal fahr ich die Tour anders.
DAS NÄCHSTE  MAL???

Nachwort: Das ist leider meine letzte Tour. Aber kann man dem Schicksal in die Karten schauen? Sollte ich diese Teiltour noch einmal planen, dann 7 km nach Saint-Paul-sur-Ubaye rechts ab Richtung Barcelonnette, deutlich vor Barcelonnette links hoch zum Col de la Bonette, weiter nach Isola, dort links ab nach Isola 2000 und dann über eine abenteuerliche, aber tourenbikegeeignete  Bergstraße nach Italien bis nach Vinadio. Weiter siehe oben.
Allerdings musst du dann etwas früher aufstehen.

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