In den Westalpen unterwegs – 2. Tag

2. Tag: Weiter nach Guillestre – 9:10 bis 17:30 Uhr / 301 kmk-00 2 tag text.jpg
Montag. Um 6 Uhr wache ich auf. Die Blase ruft: Entweder sofort aufs Klo oder ich08 kröte garantiere für nichts. Also sofort aufs Klo. Da hockt eine Kröte und schaut mich verständnislos an. Der Platz ist doch noch geschlossen. Ich stelle mich links neben sie und sie schaut mir mit trägen, aber auch leicht interessierten Augen zu, wie ich meiner Blase Entspannung verschaffe.

Wenn es gestern Abend kalt war, jetzt ist es noch kälter. Ich wische mir mit dem Waschlappen über das Gesicht und steige in die langen Unterhosen, in die Motorradklamotten, oben unterfüttert von zwei Pullovern und koche mir Kaffee.
Ich lasse mich in meinen flachen Campingsessel fallen, links das alte Brötchen von gestern, rechts den bajuwarischen Obazda und in der Hand die zweite Bulette – natürlich liegt da auch eine Tube Senf griffbereit – und dann kriecht um 7 Uhr die Sonne durch die Bäume, die Schneefelder leuchten auf, ein Alpenhäher mutiert vom Käferjäger zum potentiellen Kaffeetrinker. Das Aroma, das meine Thermoskanne freisetzt, zieht ihn an. Die Lärchen duften …
Ich lächle. In der Tat: Dir wird nichts geschenkt. Was wäre dieser wundervolle Morgen ohne die kalte Nacht

Okay, die Thermoskanne ist leer, das trockene Brötchen liegt etwas unbequem im Magen, gleich geht’s los: Val d’Isère, Col de l’Iseran (Ich hab es gecheckt, der ist offen.) , Col du Galibier. Das sind Ziele, die den Lärchenduft um eine weitere Dimension des Wundervollen erweitern.
k-08 mont blanc
Vor der Kulisse des mächtigen Monte Bianco – wir sind jetzt in Italia – geht es hoch zum Colle del Piccolo San Bernardo. So klein ist der Kleine Sankt Bernhard nun auch wieder nicht mit seinen 2188 Metern. Er ist vor allem ein Pass, den ich liebe.

Auf der französischen Seite erhebt sich kurz vor der Passhöhe ein mächtiger Monolith. Einst trug er eine Statue des römischen Gottes Jupiter. Heute steht auf ihm der Heilige Bernhard von Menthon  alias von Aosta (siehe oben), Schutzpatron der Alpenbewohner und der Bergsteiger.k-09 kl bernard- tim
Der Heilige Bernhard hat es auf seiner heidnischen Säule nicht leicht. Keltische Geister möchten ihn noch vor dem Brexit zu gerne vom Sockel stoßen.

Runter geht es zu der vielschleifigen Abfahrt der La Rossière, vorbei am Barrage de Tignes und mit (metaphorisch) geschlossenen Augen durch Val-d’Isere, einem Ski-Touristen-Bunkersystem.  Aber dann leuchtet der Bonnie der Scheinwerfer.k-10 Iseran Hoch fliegen wir beiden bei strahlendem Sonnenschein die grandiose Auffahrt zum Col de l’Iseran.k-11 iseran
Oben auf dem Pass, mit 2764 Meter der höchste überfahrbare Alpenpass (noch vor dem Col de la Bonette!), parken die Maschinen und lassen sich den Wind um die Zylinder wehen.k-12 abstieg
Die Abfahrt macht deutlich, warum der Pass nur im Sommer geöffnet is, und warum ein kurzer Blick auf ein Alpen-Pass-Journal wie etwa hier unbedingt angesagt ist.
k-13 abstieg
Auch den oberen Lauf des malerischen Lenta Baches hat noch der Winter im Griff.

In Bonneval-sur-Arc trete ich gegen Mittag in die Bremsen. Ein kleiner Supermarkt an der Straße. Ganz hinten im Laden lagert eine saucisson de Savoie, die sich als Traum eines Salamiessers herausstellen sollte. Und in der Ecke wartet eine preiswerte Tomette de chèvre, naturellement au lait cru auf den Kunden. Für so einen Ziegenkäse habe ich auf dem Überlinger Franzosenmarkt beim Bezahlen die Tränen unterdrückt und der Frau den Preis nach unten gemendelt.
Alles noch mit einer Flasche Gamay de Savoie (Gamay Jongieux, un vin rouge fruité) vervollständigt und im linken Seitenkoffer verstaut, und schon geht es über Lanslebourg-Mont-Cenis (den Col de Mont Cenis habe ich mir für die Rückfahrt aufgehoben), Mondane und Valloire hoch zum Galibier Pass.
k-15 galibier
Dort, genau zwischen den Départements Savoie und Hautes-Alpes, atmen wir erst einmal tief durch, denn jetzt kommt das lange Stück: Col de Lautaret, Briancon, Cervières und der Col d’Izoard, bei der Tour de France der wohl meist befahrene Pass.

Runter geht es Richtung Avrieux, vorbei an dem malerisch gelegenen Fort k-16 redouteRedoute Marie-Thérèse, eine Zitadelle der Barrière de l’Esseillon. Diese Verteidigungslinie von fünf Forts, gebaut in dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, sollte das damalige noch italienische Savoyen gehen Frankreich schützen. Das Fort Redoute Marie-Thérèse ist vollständig restauriert und beherbergt heute eine kompetente Bar und ein Museum.

k-17 riebiere 1aUnd bald sitze ich am Abend auf dem Campingplatz La Ribiere in Guillestre, kaue meinen Savoie Käse, bade ihn mit wohligem Augenrollen in den Gamay de Savoie und schaue mich um auf dem Campingplatz.
Rechts ein italienisches Womo, der Bewohner ein umfangreicher 50er, der schleppend an Krücken geht, seine Frau, die das Essen vorbereitet.
Links das Sanitärgebäude, für die Blase in erfreulicher Nähe.
Gegenüber ein Hänger mit weitläufigem Vorzelt. Der Bewohner, das linke Bein routiniert nachziehend, trägt einen kleinen Wasserkessel zum Hänger, wo seine Frau wahrscheinlich mit der Teekanne wartet.
Sonst: Ein saftiges Grün, ein Boden, der sich sanft neigt (Aber neigen tut er sich!), schattig-baumbestandene Leere. Stille.
Nein, keine Stille. Ein Bach rauscht, ein Vogel reißt die Kehle auf. Vielleicht sucht er ein Weibchen. Jedenfalls jubelt er, dass die Raupen von den Blättern fallen.
Dazwischen sitze ich, vor dem Zelt und neben dem Bike, mit dem Tomette de chèvre und fühle mich wohl.
Aber: Warum muss der grüne Boden sich zum Bach hinabsenken? Warum muss sich alles mit einem wehmütigen Lächeln nach unten neigen?bsa 1973 LR
„Hey“, sagt das Lächeln, „du hast dich nie einreihen wollen, aber jetzt ist es Zeit.“
Mein Bike nickt, das Zelt schaut verlegen beiseite.
Und da ist sie wieder, Mutters altmodische Sanduhr. In ihrem Rieseln taucht auf ein Bild aus alten Zeiten: Wir und die BSA-Lightning am Fuße des Mont Blanc.

Ich habe es eigentlich schon immer geahnt: Campen gegen den Verfall, Biken gegen den Tod. Verzweifelt? Lächerlich? Verrückt?
Sagen wir mal: Einfach notwendig.
Mein Gott, lass dich doch einfach vom Schicksal (welches Schicksal?) umarmen.
Mit fehlt meine Frau.

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