Abgesang

Jetzt, wo unter dem Carport vor dem Hause seit zwei und einem halben Jahr nur das Auto, die beiden E-Bikes und das Mountainbike stehen, und ein schwacher Ölfleck an die heißgefahrene Kette der Bonnie erinnert, der Ischiasnerv mal mehr, mal weniger nervt, der Föhnwind nicht nur den Frühling ahnen lässt, sondern auch den Augen ein Blick über den See genehmigt, der uns (zum ich weiß nicht wievielten Male) aufstöhnen lässt: „Ach, ist das schön“, da fällt mir ein: Du hast doch da zwei Blogs laufen. Laufen? Also eher ruhen.
Und ich weiß: Da kommt nichts mehr. Neue Beiträge wären wie ein verkrümelndes Make-up. Also habe ich mir eine kleine Fotowand gebastelt, k-poster 1gleichsam eine fixierte Vergangenheit, die ich mit Freuden betrachte als ein Gegenbild zur verstörenden Coronawelt oder zu einer Zukunft, in der die Beine immer wackliger werden.k-poster 2

Wenn ich am Schreibtisch sitze und an meinem neuen, umfangreichen Text bastle – in dem nicht ein einziges Motorrad die Kolben sausen lässt– dreht mich mein Schreibtischsessel alle sechzig Minuten um, Blick auf die alten Bikes, Schwenk, Blick auf die nicht so alten Bikes, Schwenk, Blick auf die sprudelnde Ardèche, k-fotos ardecheein geseufzte „Ach ja“, und dann massiere ich wieder die Tastatur:

Simon war ganz begeistert, was jedoch nicht ganz unproblematisch war, denn der Kaiser Wilhelm II, der doch für ein stolzes Deutschland stand, hatte in einem Tagesbefehl 1913 seinen Soldaten bei Strafe von Karzer verboten, „den Tanz ‚Tango‘ zu tanzen. Dieser anrüchige Tanz ist in der Lage, die Moral der Truppe zu untergraben.“
Es ist zu schade, dass Simon diesen Tagesbefehl nicht kannte. Was für eine Alternative zu der abgegriffenen Dolchstoßlegende. Nicht die Sozialisten haben dem Heer den Dolch in den Rücken gejagt, es war der elegante Tangoschuh. Wenn die Granaten über die Schützengraben orgelten und das Umland umpflügten, bauten die Landser das Grammophon auf, legten El Choclo auf den Plattenteller, drehten die Kurbel, und ab ging die Post. Sie griffen sich um die Hüften, schauten sich männlich stolz in die Augen, den Kopf erhoben, das Kreuz emporgedrückt und hoben ab: eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön. Die Franzosen fluteten die Schützengräben, die Bajonette mörderisch vor sich hergeschoben, wie, wenn soll man da stechen, da wurde getanzt, eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön, ja was soll man da machen, da kann man doch nicht stechen, da kann man doch nur: eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön. Die Granaten hörten auf zu orgeln, die Landschaft schob hier und da das ersten Gänseblümchen an die frische Luft, das Gas hob sich hoch in den Himmel und eins, zwei, Wiegeschritt, Kopf an Kopf, ach ist das schön.
Friede, Freude …

… und so weiter.
Ich habe meine Erinnerungen immer an den Motorrädern orientiert – „weißt du damals, mit der 69 S, als wir über den Furka Pass fuhren“ – aber jetzt, wo es immer wichtiger wird, genaue Daten nennen zu können, kommt der chronologisch korrekte Überblick (Wer will, kann auch hier reinschauen).

k-1 montage dkw+elkeDKW RT250S, 1962 für 250 DM gekauft, die ich mir im Betonwerk im Gruppenakkord (Schnitt von 1,92 DM Stundenlohn) hart erarbeitet hatte.
Mit ihr krachte ich 1967 in Hamburg in ein auf der Grindelallee verkehrswidrig wendendes Fahrschulauto, was die Vorderbeine der DKW brechen ließ. Ich stieg verwirrt vom Dach des Volkswagens, wurde aber von der Versicherung großzügig entlohnt.

k-2 rayDie BMW R 51/3, ein antikes Prachtstück, 1955 von der Montagestraße gelaufen, 1968 von Chris mit einem mächtigen Hosketank veredelt, im gleichen Jahr für 800 DM erstanden und 1970 für 1000 DM verkauft. Weiteres hier und hier.

Die BMW 69/S, 600 cc und 40 PS, das Flaggschiff der auslaufenden BMW Serie, es trug uns durch die Alpen, Italien, Frankreich, Spanien und Portugal. Ich k-69-S rayzahlte 1970 dafür 2300 DM und verkaufte es 1972 mit 200 DM Gewinn. Auf dem Zeltplatz in Lissabon trafen wir ein englisches Pärchen auf einer Honda CB 250. Sie wollten unseren lauschigen Platz übernehmen. Sie bewunderten unsere Packorganisation. Die Unter- und Schlafwäsche rechts in die Satteltasche, Kaffee, Kocher, Geschirr links, darüber die Handtücher und die Wasserflasche …
Sie waren schwer beeindruckt. „We always start to discuss first which item goes where.”
Und dann warteten sie. Sie wollten die BMW abfahren sehen. Ach, das tat gut. Weitere Info hier und hier.

1972 sind wir nach Belfast, wo sich die IRA und die UDA gegenseitig die Pubs in die Luft sprengten.k-bsa-zelt2
Das Britische Pfund im freien Fall, die Motorradpreise auch. In London holte ich mir 1973 während einer Konferenz eine BSA Lightning, 650 cc, 52 PS. Elke fuhr mit dem Mini hoch nach Schottland, ich mit der BSA hinterher. Elke fegte durch die S-Kurven der schmalen Brücken von Yorkshire, rechts, wisch, links, wuuusch, und ich kam ins Schwitzen.
Mit der BSA hatten wir 1974 den schönsten Unfall unseres Lebens.

Dann war Motorradpause.
Es ging nach Cork, wo Elke ihren Honours Degree in English and German abschloss und ich über Belfast meinen PhD, und dann nach Oldenburg; ohne Motorrad, aber mit einem Sohn, dem bald ein zweiter folgte.

k-virago 11001995 (denke ich) ging es wieder los mit den Viragos, Easy Rider lässt grüßen.
Yamaha XV 535, die kleine Virago, ein wunderschöner Soft Chopper mit einer elfenhaften Hüfte.

1999 die Yamaha XV 1100, die große Schwester, die Hüfte etwas fülliger, aber der Wumm machte süchtig.

Dann kamen die Bandits aus dem Hause Suzuki.k-8 suzi blau
2004 die GSF1200, der Originalschalldämpfer würgte die Maschine runter auf versicherungsgünstige 98 PS. Ich spendierte ihr einen Bos-Dämpfer, der das Rohr freimachte und der Bandit eine fulminante Beschleunigung bescherte.
2009 das um 50 cc erweiterte und wassergekühlte Nachfolgemodell. Ein echt schwerer Brocken. Hier wurde der Motor durch die Elektronik auf die 98 PS heruntergemendelt. Da hatte ein Bos-Rohr keine Chance. Die neue Bandit und ich mochten uns nicht. Vor allem: Wenn die umfiel, brauchte ich Hilfe. Das mochte ich schon gar nicht.
k-bmw 8002012 runter zum Bodensee. Auf dem Weg nach unten nahm ich unterwegs eine BMW F 800 S mit zwei aufrecht stehenden Zylindern und einem Riemenantrieb mit. Die war leichtfüßig. Ich konnte sie zwar nicht unter dem Arm tragen, aber ein Umfaller war kein Problem. Leider mochten wir uns auch nicht. Ich bin ein alter Mann. Wieso ich mir dieses futuristische Geschoss besorgt habe, wurde mit bald ein Rätsel. Vielleicht der Versuch, wieder ganz vorn im Trend zu liegen?
Bald merkte ich: Ich mag keine Trends, ich habe sie noch nie gemocht.
So kam denn der Volltreffer. Die Triumph Bonneville. Das war 2014 Liebe auf den ersten Blick, das war zurück zu den Wurzeln, das war das Styling und Handling der BSA mit einem wunderbar entspannten Motor. Der Bonnie ging die Frage nach der Beschleunigung total am Auspuff vorbei, die hatte einfach Stil.
2019 nach der letzten Tour an die geliebte Ardèche fiel der Vorhang.k-ardeche Jetzt bin ich motorradlos.

Was mich aber immer noch erstaunt: Es war ein entspannter Abschied. Die spontanen Touren in den Schwarzwald mit dem üppigen Räucherlachslunch, der Rückweg über Singen, um dort portugiesischen Stockfisch und einen Satz portugiesischer Chouriços zu kaufen, das fehlt mir schon manchmal.
Aber wenn sich bei Föhnwetter hoch über dem Bodensee die Schweizer Berger auftürmen, den Blick vorbei an Vrenelisgärtli bis zur Jungfrau fliegen lassen und wir auf der Bank am Hagnauer Hafen sitzen und mit einem Eisbecher in der Hand diesen Blick genießen, aber hallo, da dreht sich immer noch die Kurbelwelle und bringt das Getriebe in Schwung.k-21-11-10c
Aber nicht mehr die Blogs. Die gehen jetzt in den Stand-by und warten auf den zufälligen Spaziergänger. In zwei Wochen werde ich die WhatsApp und Telegramverteiler stilllegen. Wer will, kann mir ja über meine Standardadressen hin und wieder Hallo sagen.
Und damit Grüße vom Bodensee.

2 Kommentare zu „Abgesang

  1. Wehmut und Freude!!

    Lieber Frank,

    es ist Dir gelungen: eine tolle Bildauswahl, die soviel schöne Momente Deiner (bisherigen !!, da kommt noch was, ich bin sicher) Bonnie – Reisen – L(i)ebensgeschichte mit einem so aufrichtigen (Freude über das Erlebte und Wehmut wegen des Abschieds) Text begleitet, schenkt uns das Vergnügen einen Hauch davon mitzuerleben. Danke von DFOH, die dadurch die unmittelbar und prägende mit Dir in Oldenburg gemeinsam erlebte Schul- und Theaterzeit um die „limpinho“-Facette ergänzen dürfen. Auch unter diesem Aspekt: Wehmut und Freude, offenbar untrennbare Begriffe, eineiige Zwilling sozusagen.
    Wenn Corona uns wieder in die Reisefreiheit entlässt, werden wir sicher wieder aus dem Womo vom Edekaparkplatz in Uhldingen-Mühlhofen per Handy nachfragen, ob für ein Stündchen Platz auf eurer Terrasse ist oder ein Paket Grünkohl und Pinkel vorbeibringen, wenn wir in der Herbstsasion auf Tour sein sollten.
    Auf jeden Fall aber zeigt mir dieser Abgesang: man (nicht nur Mann) muss tun, was man tun will, jetzt und nicht auf irgendwann verschieben. Besser wird es nicht.

    Ganz liebe Grüße
    aus dem Großraum Oldenburg-Dangast 🙂

    P.S. Es ist draußen wie es sich für den Januar im Norden „gehört“ 😦 grauer Himmel, Nieselregen und Wind. Also gerade richtig für einen Spaziergang am Deich und ein Stück Kuchen in Dangast. :-). Aber ganz ehrlich: Deine Schilderung vom Blick über den Bodensee auf die Alpen reizt uns ein „ganz bisschen“ mehr!!

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    1. Danke für die herzergreifende Rückmeldung, Diethelm. Ihr seid hier immer mehr als herzlich willkommen – vor allem, wenn ihr euren Besuch mit einem Satz Grünkohl und Pinkel veredeln wollt.

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