Jungbrunnen

Jungbrunnen

„Mal Wolken, mal Sonne, mal Regen, über 600 Meter als Schnee. Morgen 4 bis 11 Grad, mal Regen, mal Wolken, Sonne kaum, Schnee vielleicht.

Weitere Aussichten: Temperaturanstieg, mal Wolken, mal Regen, mal Dauerregen. Immerhin: Kein Schnee.“

Bonnie bläst Trübsal, und zwar so erbärmlich laut, dass mir das Herz zu brechen droht.
„Bonnie“, frage ich, „ist es denn so schlimm?“
Sie schweigt.
„Übermorgen in den Schwarzwald? Na? Das wäre doch was.“
Sie schweigt.
„Immerhin gibt es keinen Schnee. Stell dir vor, am Schluchsee vorbei, über den Feldberg und dann runter ins Münstertal, das hat dir doch immer so viel Spaß gemacht.“
Sie schweigt.
„So eine Regentour hat was. Da weißt du, dass du noch lebst.“
Sie hebt den Scheinwerfer: „Lebe ich denn noch?“
Kälte fährt in mein Herz.
„Bonnie, liebe Bonnie, natürlich lebst du noch. Und wie du lebst. Schau doch mal deine Vorderbeine an. Stramm sind die. Da ist Power drin. Und die beiden Auspuffrohre! Mann, wenn die loslegen, da hechten die Katzen ins Gebüsch. So eine Schlechtwetterphase, hach! Die haken wir doch locker ab.“
„Ach“, seufzt sie, „ du bist ein lieber Kerl. Das Wetter ist grausam. Damit komme ich klar. Die Kette ist gut geölt, die Batterie sitzt im Trockenen. Nein, das Wetter ist nicht das Problem.“
Sie schweigt wieder. Ich warte. Dann:
„Das Problem?“
„Ich bin seit der Schaffhausentour 40.000 Kilometer alt, das weißt du doch.“
Ich wusste es nicht. Ich schaue auf den Tacho. Sie hat Recht. 40.001 Kilometer. Mann Gottes, wie in Teufels Namen ist denn das möglich?
Vierzigtausend Kilometer und einer. Ich erinnere mich noch genau, wie meine Frau vor dem Spiegel stand. „Morgen werde ich vierzig. Schau mal hier die Augenwinkel. Die Falten sind gewuchert wie der Klee in unserem Rasen.“
„Botox“, sage ich. „Bist du blöd?“ sagt sie.
„Bonnie“, sage ich, „weißt du was?“
Sie schaut mich an.
„Morgen mache ich dich um 10.000 Kilometer jünger.“ Dann gehe ich ins Haus und stelle mich auf den Fitnesstrainer. Der tägliche Kampf gegen den Verfall.


Jetzt ist morgen. Wider Erwarten hat die Sonne die Wolken verdampfen lassen. Aber kalt, Junge, Junge, kalt ist es. Ich zieh mir die warmen Socken über die Füße. Ach, und für alle Fälle: Die Beine für eine viertel Stunde auf den Stuhl hängen. Der dritte und der viertel Lendenwirbel werden es mir danken.
Ich schiebe Bonnie in die Sonne und breite um sie herum aus: Polierset zum Vorpolieren, Polierset zum Feinpolieren, den Minipolierer für die Zylinderippen.
Bonnie schaut mir interessiert zu. Sie weiß nicht, was hier passieren soll, aber sie spürt: Da will dir jemand etwas Gutes tun.
Dann jault es los. Die Nachbarn schauen missbilligend aus den Fenstern.

Der Motorblock links, der Motorblock rechts. Das Alurad vorn; das hinten muffelt. Das bleibt wie es ist, das saut sich mit der Kette eh gleich wieder ein.

Die Rippen des Twinzylinders, die wollen es ganz genau haben.
Und nach drei Stunden und zwei übellaunigen Lendenwirbeln – schnell mal flach auf den Rücken legen und bis 55 zählen, die Nachbarn schauen interessiert – …

… ein kritischer Blick. Alles OK?

Alles Okay. Der rechte Motorblock ist happy.

Die Rippen sind auch happy.

Und der linke Block strahlt wie lange nicht mehr.

Und die Bonnie! Was für ein Glanz. „Schau mal das Vorderrad“, ruft sie, „das nenne ich Eleganz.“

Sie ist ganz aufgedreht, so wie vor vier Jahren, als wir zum ersten Mal gemeinsam über den Col du Galibier gebraust waren.
„You are a darling, old boy. Mit dir möchte‘ ich alt werden.“
Ich werde grau.

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