Think Bike, Think Birmingham (II)

3
Am nächsten Morgen Föhn. Der Frost ist von einem dezenten lauen Wind aus der Schweiz über die Donau geschoben worden. Eine Sicht von hier bis zu den Berner Alpen. Motorradwetter. Das weiß auch die Bonnie. Sie schaut mir mit wachem Scheinwerfer in die müden Augen.
„Los Mann, heb deinen Lehrerarsch.“k-10a
Meine Augen reißen die Lider hoch. Bonnies Ton mir gegenüber ist seit einiger Zeit, sagen wir mal, recht burschikos, aber wirkungsvoll. Ich springe in die Montur, rolle Bonnie in die Sonne, die Frau macht von uns beiden ein strahlendes Foto, und dann Jacke an und Helm auf den Kopf und ab zu unserer Lieblingstour: Über Tuttlingen zur Donau, runter das Obere Donautal und dann zurück zum Bodensee. Hoch über Überlingen halte ich an. Sonnenuntergang über dem Bodensee. Perfektes Setting für Bonnies Geschenk.k-10 sonnenuntergang-korr.jpg„Überraschung“, sage ich und lade im Navigationsgerät einen Ordner mit einer Serie von Fotodateien.

Bonnie und das Navi, ganz intim über die Bordnetzelektronik verkabelt, sind dicke, wenn auch nicht immer pflegeleichte Freunde. So manches Mal haben die beiden gleichsam hinter meinem Rücken eine Tour ausgeheckt, die mich ihrer bizarren Tourenlogik wegen in Verzücken versetzt hat. Aber es gab auch Momente, wo die beiden in erbittertem Streit, ob dahin oder doch nicht lieber dorthin, mich von einer irrsinnigen Tourenmarke zur nächsten hetzten, bis ich wütend dem Navi den Saft abdrehte und mir ganz konventionell die Tourenkarte griff.
Aber heute sind die beiden ein Herz und eine Seele, und ich öffne die erste Datei.k-10b showroom.jpg
„Das National Motorcycle Museum“, sagt sie, „das finde ich lieb von dir. Du hast an mich gedacht.“
Ich lade das zweite Bild hoch.k-11 bsa
k-11 bsa 1a„Ah“, sagt sie höflich „ein Fahrrad mit einem interessanten Hilfsmotor. Wo hast du denn das Foto aufgenommen.“
„Das ist eine BSA.“
„You must be joking.“
Ich scherze nicht. Ich erkläre ihr, dass dies die erste ‚Beesa‘ ist. Die Waffengeschäfte der British Small Arms Company liefen nicht mehr gut, so stieg man 1861 erfolgreich auf die beginnende Fahrradproduktion um. 1903 kam die erste ‚Beesa‘ auf den Markt mit einem 2,75 PS Minerva Motor aus Antwerpen. Und dann ging es steil aufwärts.“
Bonnie ist ganz still geworden wie eine Schulklasse, wenn du mal einen guten Tag hast.
„Und dies ist eine Norton Energette aus dem Jahre 1903 …“k-12 norton 1903.jpg
„ … mit richtigen Pedalen, damit sie den Berg hochkommt“, kichert Bonnie.
„Richtig, Bonnie“, lobe ich sie
„Ehrlich?“ Sie strahlt. „Wusste ich doch.“
„Weil: Ihre 142 cm3 brachten bei 1100 U/Min gerade mal 1,2 PS auf die Straße.“
Ich lade das nächste Foto: „Nun kommt etwas exklusiv für dich. Achtung! Eins … zwei …“
Bonnies Kette knirscht vor Spannung mit den Gliedern. „Come on, boy“, flüstert es aus den Tiefen der Mechanik, “ out with it!“k-13 triumph 1908.jpg
„Here we are.“ Bonnie schaut etwas hilflos.
„Bonnie, das ist eine 500er Triumph von 1908. Die musste man nicht mehr mit den Pedalen den Berg hochtreten. Die hatte 476 cm3  und satte 4,5 PS. Und der Motor war eine Eigenentwicklung.“
„Oh“, flüstert eine überwältigte Bonnie und schmiegt sich an mich, „ich danke dir, das ist ein wunderschönes Geschenk, das du mir da mitgebracht hast.“
Aber sie kann sich eine Kritik nicht verkneifen: „Da hat der Restaurator aber noch einiges zu tun.“

k-14 matchless 2.jpg
„Wow, das ist ein heißer Feger. Auch eine Triumph?“
„Nein, eine Matchless Werksrennmaschine von 1913. Gab nur sechs Stück davon.“
Herrje, was bin ich stolz auf mein Wissen. Herrje, wie genieße ich Bonnies konzentrierte Aufmerksamkeit.
„Dies ist das einzige überlebende Exemplar. Der Restaurator war total fertig, als er 2003 dieses Prachtstück in die Ausstellungshalle schieben konnte. Das Fahrgestell von Matchless, der Motor ein Motosacoche aus der Schweiz, die Zündung von Bosch und das Schaltgetriebe von Enfield. Die 496 cm3 brachten die Maschine auf 85 mph“
„Alors“, ruft Bonnie, „c’est curieux. Une motosacoche, that is an engine in a bag.“
Ich schaue sie erstaunt in. Die englische Lady ist voller Überraschungen. Ich weiß, dass sie bei Chaucer, W.H. Auden, Goethe und den deutschen Romantikern ein- und ausgeht, aber Französisch!
Na, mal sehen, ob sie aufgepasst hat.
Ich verlasse die Matchless. Die letzte, dich ich gesehen hatte, röhrte vor vielen Jahrzehnten durch die walisischen Berge, und schiebe die nächste Datei in das Navi. Wir sind in den zwanziger Jahren.k-15 triumph 1924.jpg
Bonnie ist ganz aus dem Häuschen. „Noch eine Triumph, absolutely smashing, das typische Triumph Styling. Für die Zeit sehr konservativ, ja fast old-fashioned. I love it“
Sie schaut mich an. „Weißt du, ich liebe den altmodischen Touch, wenn er einer modernen Technik den Hauch von Nostalgie verleiht, der die Modernität erträglich macht. “
Zustimmend klopfe ich ihr auf den Tank. Ich will sie gerade an meinem angelesenen Wissen zur 350er Triumph LS aus dem Jahre 1924 teilnehmen lassen, da sprudelt es aus ihr heraus: „ Ein aufrecht stehender Zylinder, stolz steht er wie die Nelson Säule auf dem Trafalgar Square.“
Und schon tönt ihr Horn. „Rule Britannia, Britannia rule the waves.“k-15 emblem
Ich sehe eine total entrückte Bonnie im Abendhimmel. „Was für eine Zierde der britischen Motorradschmiedekunst. Ich tippe auf 350 cm3. Und das altem Emblem! Das hat der Restaurator gut gemacht. Holy mackerel! Die Hupe! Schau dir die Hupe an. Mit der bist du king of the road. Die will ich auch haben.“
Ich will die Gute auf den §55 StVZO Einrichtungen für Schallzeichen hinweisen: „(1) Kraftfahrzeuge müssen mindestens eine Einrichtung für Schallzeichen haben, deren Klang gefährdete Verkehrsteilnehmer auf das Herannahen eines Kraftfahrzeugs aufmerksam macht, ohne sie zu erschrecken und andere mehr als unvermeidbar zu belästigen“, woraus folgt, dass da wohl was zu machen wäre mit einer Ballhupe. Aber in dem Moment gerät Bonnie in Ekstase: „Ja, was sehe ich denn da!? Die hat ja einen Kickstarter.“ Bonnie wackelt vor Begeisterung auf ihrem Seitenständer, dass ich ihr erschreckt in den Lenker greife.
„Einen Kickstarter!!!“ Dann ein sehnsuchtsvoller Ausruf. „Ach, hätt‘ ich doch auch einen Kickstarter.“ Und dann ganz aufgeregt: “Stell dir vor, du wartest auf eine heiße Tour, sagen wir mal in die Schweizer Bergwelt, da kommt so ein drahtiger Kerl in Leder oder Textil, setzt einen männlichen Fuß auf den Kickstarter, die rechte Hand umspannt entschlossen den Gasgriff, dein Getriebe zittert vor Erregung, die Kolben holen sich mit seligem Lächeln einen Extraschlag kaltes Öl zwischen die Kolbenringe, dem Burschen wollen wir das Antreten doch nicht zu leicht machen, seine Muskeln sollen zeigen, was sie drauf haben, dann kommt der Tritt, Kraft gegen Kraft – und du lässt los.
Ach, ist das schön. Der Kick haut die Kolben zack zack kurz hoch und runter, tritt einen Satz Zündfunken los, die bringen Leben in die Zylinder, und dann Booom!!! haut die rechte Hand die Drehzahl hoch, dass den Nachbarn die Frühstückseier aus den Bechern hechten.“
Ein leises Zittern läuft durch Bonnies Fahrgestell: „Und dann lässt du dich erobern, und ein Sturm, entfacht in den beiden stolz aufragenden Zylindern, trägt dich mit einem mächtigen Wumm hoch zum Pass und dann herunter in die schwingenden Kurven eines lieblichen Alpentals.“
Sie atmet tief durch. „Ich liebe starke Männerbeine.“
Sehe ich da ein Glitzern in ihrem Scheinwerfer? Im Halbdunkel des Abendhimmels, der die letzten Strahlen des Tages auf die ferne Alpenkette schickt, höre ich ein leises „Du hast doch auch so schöne Waden.“
Mein Erröten deckt ein gnädiger Abendhimmel zu. Ich schiebe das nächste Foto auf den Bildschirm.


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“Ah, Thomas Edward Lawrence, ein fescher Kerl.” Bonnie hat heute ihren kühnen Tag.
“Du kennst ihn?
„Come on, old boy! Wer kennt den nicht. Oberst der britischen Armee, Offizier, Archäologe, Geheimagent und Schriftsteller. Und was für ein Schriftsteller. The Seven Pillars of Wisdom ist ein Klassiker der Weltliteratur. Und The Mint, welch Melancholie, welche Einfühlungskraft.
Und er sitzt auf seiner Brough* SS 100?“
So ist es. Ich zeige ihr die Maschine, mit der er 1935 seinen tödlichen Unfall gehabt hatte.
k-17 brough 1934
Der Rolls Royce der britischen Motorräder. Der neuste JAP 1000cc V-Zylinder aus Tottenham, zwei Vergaser, oben liegende Ventile, 32 PS, 115 mph – das waren Eigenschaften, die nicht nur Lawrence in ihren Bann schlugen.
„1000 cm3“ murmelt die Bonnie andächtig, als ihr Scheinwerfer auf den Kickstarter fällt, „By George, muss der Lawrence kräftige Waden gehabt haben.“
Ehe Bonnie wieder von ihren Phantasien fortgetragen wird, da – ich muss gestehen, mir klopft das Herz – schiebe ich ihr DAS Foto hin.k-18 triumph bonnie 1960.jpg
„Eine Triumph, eine echte Bonneville“, Bonnie schlägt vor Begeisterung mit den Spiegeln um sich, dass ich um meine Ohren fürchten muss.
„Meine Großtante von 1960, was für eine Schönheit. Die Räder mit Speichen verziert, der peashooter als Auspuff, der stolze 650 cm3 Twin, die polierten Ventilkappen, aber …“ Bonnie unterbricht sich, „… aber wo ist der Kickstarter?“
„Auf der anderen Seite, Dummerchen.“
„Mein Gott, peinlich, peinlich, ich bin ganz durcheinander. Der Kickstarter. Ach, das war eine glückliche Frau.“
Oh Bonnie, nicht wieder der Kickstarter. „Na, meine Liebe, was ist das?“k-19 triumph streamliner.jpg
Also Bonnie kennt nicht nur die deutsche und englische Literatur vorwärts und rückwärts, Bonnie kennt auch ihren Stammbaum.
Wie aus der Pistole geschossen kommt es: „‘Die ‚Texas Ceegar‘, aber das Foto hast du nicht aus dem Museum, oder“?
Nein, leider hatten sie das Modell nicht.
Der texanische Rennfahrer Johnny Allen fuhr 1956 auf den Bonneville Salt Flats von Utah mit seiner Texas Ceegar die Rekordmarke auf 214,4 mph. Der Streamliner wurde angetrieben von einem Triumph Thunderbird 650 cm3 Motor, der ohne Kompressor oder Turbolader auskam, aber mit Methanol gefüttert wurde.
Die 1959 auf den Markt gekommene Triumph Bonneville, deren Namen an Allens Rekordfahrt erinnert, wurde zu einem Verkaufserfolg,

Bonnie schwelgt in ihrer Familiengeschichte. Ich spüre, wie das Kollektiv der Mechanik zwischen Vorder- und Hinterrad in einem sanften Taumel des Glücks zu schwingen beginnt. „Und du“, kommt es träumerisch von irgendwo her, „hast du nicht mal eine BSA Lightning gefahren, die liebe Schwester der Bonneville?“k-20 bsa lightning.jpg
„Diese hier?“
„Eben die. Zwei Zylinder, zwei Vergaser, 650 cm3 und 50 PS. Die flog mit 100 Meilen pro Stunde über den Motorway.“
Ich denke: „Ob es eine liebe Schwester war, sei dahingestellt. Bei 60 Meilen flogen die Füße von den vibrierenden Fußrasten, bei 70 Meilen lockerten sich die Spiegel, und bei 80 Meilen musstest du anhalten und dir die Hose hochziehen.“
Ich sage: „Meine Beesa hatte ein genauso schönes Fahrgestell wie du. Schau mal.“k-21 Por74-elke+bsa auss.jpg
Und ich schiebe nach: „Mit ihr hatte ich den schönsten Unfall meines Lebens.“
„Mit der Frau oder mit dem Bike?“ Bonnies Kette rasselt vor Vergnügen. „Nun schau nicht so verwirrt. War ein Witz, Junge.“
Dann ein stilles, ja versonnenes Lächeln.
„Ein Frauenbein auf dem Kickstarter, was für ein charmanter Gedanke.“

Anmerkung: * Die englische Aussprache ist ebenso unübersichtlich wie die Brexitverhandlungen. Brough reimt sich nicht auf ‚though‘ (dt. ‚ou‘), through‘ (dt.: ‚du‘) oder bough (dt.: ‚hau‘), sondern auf ‚enough‘ (dt.: ‚da biste baff‘)

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