Die Anzeige: Verkaufe …

1.
Bonnie spricht nicht mehr mit mir. Kann ich verstehen. Da kam ein Typ aus München mit SUV und Hänger. Der wollte Bonnie mitnehmen. War schon alles arrangiert. Nur Bonnie wusste nichts davon. Ich Feigling hatte es ihr einfach nicht sagen können. Bonnies entsetzter Blick, als sich der SUV-Typ auf ihrer Sitzbank breitmachte! Der Blick wird mich noch Jahre verfolgen.
Nach gut fünf Minuten kamen die beiden zurück. „Nee“, sagte der Typ, „das wird nichts. Da fehlt die Power. Wenn ich mit meinen Jungs durch die Berge fege, da hänge ich mit der immer hinten dran.“
Und schon war er zurück auf dem Weg nach München.
„Bonnie!“, meine Stimme zitterte voller Entrüstung, „du hast doch nicht etwa … “
Sie hatte – in schwesterlicher Zusammenarbeit mit Benzinpumpe und Einspritzanlage nach dem Motto „Ohne Power wird der sauer.“ Der SUV-Bajuware war zwar nicht sauer, aber schwer enttäuscht.
„Bonnie, wie konntest du nur!“ Wieder zittert meine Stimme voller Entrüstung.
Bonnies blanke Linse schaut mich an, ohne einen Hauch von Schuldbewusstsein, aber mit einem fetten Kilo Trotz.
Der nächste Kunde war ein klarer Fall. Der kam aus Worms und wollte die Maschine unbesehen nehmen. Die Zustandsbeschreibung der Maschine hin, die Anzahlung für die Maschine her, und da der arme Kerl irgendwo am Rhein in der Reha noch zwei Wochen festsaß, wurde die Übergabe für zwei Wochen später festgesetzt.
In zwei Wochen, an meinem 75sten Geburtstag!
Für alle Fälle noch die kleine Minidelle am Tank erwähnt und per Foto dokumentiert. Und dann ab in die Alpen zum Wandern, in zwei Wochen sind wir wieder da.
Zwei Tage vor Ende unserer Wanderschaft blinkte der Emailbriefkasten. Der Mann aus Worms. Die Delle habe ihm die Seele zerfressen. Er könne nun nicht mehr. Er wolle nun nicht mehr. Seine Frau sei auch der Meinung.
Mir hat es auch zwei Wochen lang die Seele zerfressen. Bonnie unter dem Carport, einsam, abgeschleppt nach Worms, ich ohne Bonnie, keine Touren in den Schwarzwald, kein Tanzen durch die Kurven des Donautals, keine Dialoge über Rilke und den Herbst des Lebens bei Lachsbrötchen und Radieschen, keine Kettenreinigungsrituale, nie mehr den Motordeckel und die Alufelgen polieren, – dafür alt, älter, noch älter, Rollator.k-ich+rollator-aquarell.jpg

Oder sieht er ein Licht irgendwo in der Ferne unstet flackern, gleichsam hinter seinem Rücken, an dem Versprechen vorbei, mit 75 die Griffe aus der Hand zu legen?

2
Da sitzt er. Die Maschine so gut wie verkauft. Was für eine Last war von mir abgefallen. Wenn er mir mit leuchtenden Augen berichtete, wie er in der Anfahrt nach Münstertal im Schwarzwald die Fußraste über den Asphalt kratzen ließ – Bonnie hat die Straße geküsst, jubelte er jedes Mal – , musste ich immer tief durchatmen. Und bei seiner radunfall 4-2014nächsten Tour hatte ich dieses Bild vor Augen: Bonnie und er, Ausloten der Kurve, Augen auf die nächste Kehre, eine Handvoll Schottersteine im Scheitelpunkt der Kurve, Krach, Martinshorn, Anruf aus dem Krankenhaus.

Ich bin allein.

Oh, mein Gott, ich dachte, das wäre nun alles vorbei.
Denkste! Die Absage kam ihm gerade recht.
Ich weiß, was gleich kommt. Er dreht seine Hände. Ich kenne diesen Blick. Geradeaus, aber links vorbei. Und dann kommt es:
„Was meinst du, wenn ich die Maschine doch noch ein Jahr fahre.“
Ja, was soll ich da sagen. Ihn an sein Versprechen erinnern? Ich sehe doch, wie ihm diese Maschine an das Herz gewachsen ist, ich sehe, dass ihm ohne Bonnie ein Teil seiner selbst wegbricht, seine Texte, die ihm so viel bedeuten, die Ruhe, die sich bei einer Rast im Donautal um ihn legt wie ein freundlicher Mantel. Und wenn er mir dann am Abend fantasievoll erzählt, was für Idioten die Landstraße bevölkern, ja, dann finde ich das ganz lustig.
Aber wenn er wegbricht, weil ihm einer dieser Idioten in der Linkskurve frontal entgegenkommt oder ein anderer Idiot ihm im Kreisverkehr den Vorderreifen wegreißt?
Da steht sie nun die Frage: „Was meinst du, wenn ich die Maschine doch noch ein Jahr fahre.“
Und ich höre mich sagen: „Darf ich darüber einmal nachdenken?“
Aber ich kenne schon meine Antwort.

3
Es ist Nacht. – Verkaufe aus – Mein Körper wälzt. – Altersgründen – Nach links. Nee, das will ich nicht. – meine gepflegte – Kurz die Hüfte hochgeflippt, Knochen, Fleisch und was sonst so da ist, nach rechts geschleudert, – und sehr gut ausgestattete – dabei routiniert die Pyjamahosenstofffalte aus der Pofalte gezupft, die Pofalte ist da sehr eigen, – Triumph Bonneville SE –  die will ungestört durch die Nacht kommen – und schon liege ich wieder rechts – Erstzulassung
Und schaue dem Mond ins Antlitz. Riesig steht er da. Riesig macht er sich am Himmel breit. Riesig verbreitet er sein Licht über die Apfelbaumwiese am Fluss.
Ich kneife das linke Auge zusammen. Das rechte schläft noch. Täusche ich mich? Da hängt doch etwas neben dem Mond. Was, das ist doch … wie? … Bonnie? … das kann gar nicht sein!
Ehe ich mir meinen Kopf über die Frage zerbreche, was hier sein oder nicht sein kann, um dabei womöglich wieder mit einem routinierten Lupfer die Seite so schwungvoll zu wechseln, dass mir das Bett die Freundschaft aufkündigt, schießt aus Bonnie– Sein oder nicht Sein, so ein Quatsch – ein Feuerschweif zusammen mit einem wütenden Röhren, dass ich zitternd senkrecht im Bett stehe.
In einem weiten Kreis schießt die englische Lady, die all die ihr angedichtete Zurückhaltung durch den Auspuff jagt, über das Haus.k-bonnie feueerschweif end
Düwel ook, mir sträuben sich die Haare, die auf meinem antiken Kopf zu überwintern suchen. Ich steige vom Bett und stehe plötzlich auf der anderen Seite des Hauses vor dem großen Terrassenfenster, stehe da nicht allein. Da steht auch der Mond (ein Wechselmond?) – wieder riesig – hoch über dem Carport.
Aber auf dem Carport hat sich eine weite Nebellandschaft ausgebreitet. Und über der schwebt er, der Mond.
Und in ihm sitzt meine Frau, wie, ich kann es nicht genau erkennen, aber ja doch, die sitzt da bei Apfelkuchen mit Sahne und was? Einem Glühwein. Muss verdammt kalt auf dem Mond sein.mondlandschaft-neu-auss2Und lacht an, wen? – Dünner’slach und Düwel ook! – die Bonnie lacht sie an.
Und das Lachen wächst und wächst und zack, ist der Mond ausgeschaltet.

Am nächsten Morgen rolle ich aus dem Bett. Da war doch was. Ein Mond, genau, da war ein Mond. Und schon zerfällt der Mond wie ein Kaleidoskop in tausend Farben, die alle von einer wunderbaren Sinnlosigkeit sind.
Ich haue mir den Waschlappen ins Gesicht. Oh mein Gott und Marx und alle Gebenedeiten, heute setze ich die Anzeige wieder in das Internet.
Ich koche Kaffee, ich hole zwei Croissant, gehe an Bonnie vorbei. Die wedelt mit den Spiegeln und blinzelt mir zu. Spinnt die? Oder freut die sich, dass sie mich endlich loswird.
„Eh du Lehrer“, jodelt sie. „Tolle Frau, deine Frau, wenn ich nicht auf Männer stünde, die wär echt ne Alternative. Hat die’n ordentlichen Führerschein?“
Ich verstehe alles und verstehe kein Wort. Was ist mit der englischen Lady los?
„Eh, du Biker, setzt dich doch mal.“
Ich setze mich auf den Bonniesitz.
„Also ich hab‘ mich heute Nacht mal mit deiner Frau unterhalten. Scheint ja eine sehr vernünftige Person zu sein. Sie hat mir ihr Problem erklärt. Also wo sie Recht hat, hat sie Recht. Du bist manchmal wirklich etwas unvernünftig.“
Sie schaut mir voll in die Augen: „In deinem Alter! Du musst viel ruhiger sein.
Ich habe deiner Frau natürlich sofort meine Hilfe angeboten und ihr meine Strategie dargelegt. Ein paar gute Tipps zur Sicherheit von jemandem, der wirklich weiß, was Sache ist.
perscheid rasen macht blindpeerscheid linkskurve
Da ist sie mir mit einem großen Lachen um den Tank geflogen. ‚Ja, wenn das so ist‘, hat sie gerufen‚ dann bin ich beruhigt. Ach Bonnie, was wäre ich ohne dich.‘“
Der letzte Satz hat mir ein deutliches Fragezeichen ins Gesicht gestempelt. „Na“, sagt die Bonne mit schiefem Blick, „so ähnlich hat sie das formuliert. Jedenfalls“, und ihr Tank wird ganz breit, „haben wir noch ein Jahr, old boy, und dann musst du dich sowieso um einen ordentlichen Rollator bemühen.“
Bonnies Scherze sind manchmal schwer zu ertragen. Aber das ist im Augenblick die geringste meiner Sorgen. Was mich aufmischt: Ist da was dran an all diesen Fantasien? Sind das vielleicht gar keine Fantasien? Hat heute Nacht der gute Mond einen guten Tag gehabt?
Ich gehe in den Keller und hole die Gurkenmousse aus dem Kühlschrank. Glatt und weiß-grün schaut er mich an. Wir sind beide (also meine Frau und ich) ganz verliebt in diese Mousse.
Ich komme hoch und stelle sie zusammen mit einer Flasche Vinho Verde auf den Tisch. In diesen Wein sind wir auch beide verliebt. Wenn schon der Mond vielleicht einen guten Tag hatte, dann habe ich vielleicht jetzt auch einen.
Und schon kommt die Gute. Sie betrachtet sorgfältig den gedeckten Tisch.
„Okay“, sagt sie, „alles was recht ist. Beharrlich bist du. Du lässt auch keinen Trick aus. Was soll ich da sagen.“ Pause, dann: „ Aber fahr bloß vorsichtig.“
Hinter ihr strahlt Bonnie durch das Küchenfenster.
Was wären wir Männer ohne die Frauen.
Und wie ich auf die Mousse schaue, siehe da, oh Wunder über Wunder, sie hat heute auch einen guten Tag.mousse end

Nachwort
Habe am nächsten Morgen mit Bonnie mal so von Mann zu Bike gesprochen. Ich wollte wissen, was denn wirklich in dieser Mondnacht gelaufen war.
„Mondnacht?“ Sie schaute mich verdutzt an. „Ach so die, ja was ist mir der?“
Da wusste ich: Bonnie hat mir nicht alles erzählt.
„Also weißt du“, stöhnte sie schließlich heraus, „als ich den letzten Text von dir las, also „Triumph Bonneville SE, sehr gut erhalten, straffer Tank“ und so weiter, da sind mir die Tränen gekommen. Aber dann tauchte unter dem Text ein Kommentar auf, also da ist der Kurbelwelle über dem Getriebe schlecht geworden.“
„Kommentar? Hab ich noch gar nicht gesehen.“
„Hast du nicht? Solltest du aber, dann hätte auch deine Kurbelwelle gewürgt.“
Da spuckte sie ihn heraus, den Kommentar: „So als zweibeiniger Bernhardiner am Bodensee vor der Haustür liegen ist doch keine Alternative!“
Sie ließ die Kette rasseln: „Wer immer das geschrieben hat, der hat einen klaren Blick für die gequälte Seele eines Bikes.“

k-gedreht 11 grad Kopie.png

Good Morning, Bonnie, min  Deern!
Noch ne Runde.
Neues Styling, neuer Stil.
Piano, ruhig, down gegraded,
Und senioral
durch die Kurve geschwebt.
Wir haben alle Zeit der Welt.

Good Morning, Frankie Boy,
Jetzt ist es Herbst,
die Welt ward weit,
die Berge öffnen ihre Arme
und reichen dir Unendlichkeit.
(Das ist nicht von mir, schade. Das hätte ich auch hingekriegt. Das ist von Max Dauthendey.)

 

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