Abschied (3)


3. Teil
Am nächsten Morgen Kaffee gekocht. Die Steckdosen im Waschraum sind für meinen Minitauchsieder zu hoch. Greife mir einen scheinbar sauberen Abfalleimer, drehe ihn um und stelle den kleinen Wassertopf darauf. Der Tauchsieder lächelt und taucht leise pfeifend in das Kaffeewasser.k-haare

Kaffee aufgebrüht, den Abfalleimer wieder an seinen ordentlichen Ort gestellt, die Hände nach Thermoskanne, Tauchsieder und Wassertopf ausgestreckt, die Hände jaulen erschreckt zurück. Neben meiner Miniküche grinst mich ein umfangreiches Gewölle ausgekämmte Haare an. Mit leichtem Grausen zwinge ich die Hände, die Zeichen des menschlichen Zerfalls wieder in dem Abfalleimer zu deponieren.

Jetzt sitze ich am Frühstückstisch. Das Frühstück ist ausgezeichnet. Der Lou Claousou hängt immer noch über dem Zelt und vereint sich mit den Wanderschuhen zu einer spannenden Duftkulisse, der Gott sei Dank die Linden einen gefälligen Rahmen geben.k-17 morgenVon der Luft aufs Wasser. Der Tarn, der sanfte Bruder der Ardèche. 20 Kilometer seinen abenteuerlichen Windungen gefolgt. Vor Saint-Chély-du-Tarn das Kanu auf den Kies gezogen.k-19 Saint_Chely_TarnBonnie und ich hatten schon bei unserer Fahrt nach Brunas mit Freude in den Augen oben an der Straße auf den romantischen Ort herabgeschaut.k-20 tarn

Und Pause, Pause, Pausek-21

Das Château de la Caze, erbaut 1490 von Soubeyrane und Guillaume de Montclar. Die Schönheit ihrer fünf Töchter sorgte dafür, dass die Beaus der weiten Umgebung auf dem Schloss ihre chansons d’amour mit feuchten Augen zu den erleuchteten Fenster empor schickten.k-22
Die Französische Revolution machte aus dem Ort der Freude ein Gefängnis. Und heute übernachten hier die Touristen, die nicht jeden Euro umdrehen müssen.

Der nächste Tag. Bonnie hängt durch. Woher ich das weiß? So etwa spürt man doch. Der Tank glänzt matt, die linke Fußraste hängt schlaff herunter, die Kette lässt ihre Glieder hängen.
Ich schaue Bonnie in den Scheinwerfer. Oh mein Gott! Trauer, schwarze, tiefe Trauer.
„Bonnie“, frage ich, „meine liebe Bonnie, was ist denn los mit dir.“
Müde hebt sie den Scheinwerfer. Müde schaut sie mich an. Dann kommt es dunkel: „Ich christian textkann es nun nicht mehr“.
O-Ton Christian Buddenbrook, der Nagel auf dem Sarg einer sterbenden Familie.

Mir wird unwohl. Weiß Bonnie, dass dies unsere letzte Tour sein wird? Weiß sie, dass ich mir schon überlege, was sie wert sein könnte?

Sie weiß es nicht. Gott sei Dank. Ich erfahre: Die Tour hier runter, super. Die Abende am Zelt, wunderschön. Und wenn ich nachts mit Krämpfen in allen Zehen und unterschiedlichen Waden aus dem Zelt schieße, ja, da hat man doch was zu lachen.
Aber dann steige ich in die Luft, dann paddele ich auf dem Fluss. Ja, warum dann überhaupt eine Tour mit einem so schönen Bike?
Bonnie räkelt ihren üppigen Tank.
k-scheinwerfer-auge-end Kopie
Ja, warum!
„Bonnie“, sage ich, „eben wollte ich vorschlagen, dass wir heute …“
Bonnie hebt den Scheinwerfer.
„… eine Tour …“
„… eine Tour machen? Ja, warum sagst du das nicht gleich, du Langweiler.“
Und ihr Tank glänzt, und ihre Fußraste geht in die Waagerechte, und die Kettenglieder stehen wie ein Satz von Einsen.
„Wohin soll‘s gehen?“
Und so machen wir uns auf in die Causse Méjean.

 

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