Abschied (2)

Am Nachmittag reißt mich ein Telefonat mit Patrice aus meiner Siesta. Patrice gibt mir die Koordinaten durch für den Brunas, einer Bergkuppe bei Millau. Und schon schlingt das Navi die Koordinaten gut gelaunt in sich hinein.
Ich kann die Nacht schlecht schlafen. Der nächste Tag hat es in sich.
Die Bonnie schaut düster aus ihrer Biluxbirne. Ich kenne diesen Blick. Kopfschütteln, Missbilligung und noch mal Missbilligung – Kann sie die Gedanken lesen?
Dann den Tarn entlang gewuselt. Kein Kopfschütteln mehr, keine Missbilligung, nur röhr und fauch und ach, was geht es uns gut.
Hoch auf den Aubenas. Das ist eine exponierte Kuppe, wo der Wind fegt.
Patrice segelt herab mit einem Passagier.k-10 landung korr
Der Passagier ist sehr redselig. Ich muss warten. Ich stöhne.
Die Assistentin schaut mich fragend an. Was hat der ältere Herr? Ist ihm unwohl? Ein Schwächeanfall? Hat der ältere Herr Probleme?
Er hat. „Ich habe Hunger“, sage ich
„Oh“, ihr Gesicht entspannt sich. Sie flitzt zu ihrem Rucksack, greift hinein und überreicht mir eine zerquetschte Croissant.
Frauen können manchmal richtige Engel sein.
Dann stehe ich bereit. Vom Bike ab in den Himmel. Bonnie fällt in einen Schreikrampf. Der Wind trägt ihn fort.k-11

„Wir brauchen 20 m/sek, um hoch zu steigen“, sagt Patrice und vertäut mich an seinem Schirm.
„Und beim Starten musst du stehen. Was immer passiert, du musst stehen.“
Ich stehe.
Und schon ziehen uns die 42 qm in Zusammenarbeit mit dem Wind und den 20 m/sek nach oben.
Wir treiben auf die Felskante zu, die sich an dem bei Milau stark geweiteten Canyon des Tarn entlangzieht. An der Kante reißt es den Wind mit kräftigem Sog nach oben, und mit ihm schießen wir ab in den Himmel und haben bald die Flughöhe von 200 Meter erreicht.
Es ist f a n t a s t i s c h!k-12Wir fliegen an dem herrlichen Viadukt vorbei, drehen uns in weiten Kreisen über die Ausläufer der Causse du Larzac, Patrice zeigt nach oben. Ich kippe den Kopf in den Nacken: Ein Geier kreist ruhig oben über dem Gleitschirm. Später erfahre ich, dass 340 Paare des Vautour Fauve, des Gänsegeiers in den Schluchten des Tarn und der Jonte nisten.

DCIM138GOPROSchnell sind die geplanten 20 Minuten um.
„Direkt nach unten?“, fragt Patrice, „oder noch ein paar Extraschlenker?“
Ich weiß nicht, was er unter einem Extraschlenker versteht und schaue mir den ausladenden Schirm an.Mächtig sieht er aus. Zuverlässig sieht er aus. Ich votiere für die Extraschlenker.
Und schon geht es los. Eine Achterbahnfahrt in 100 Meter Höhe. Der Schirm fegt von links nach rechts, saust in schrägen Ellipsen um ein imaginäres Zentrum, ändert seine Flugbahn dramatisch und runter stürzen wir zur Erde, und zack! reißt der Schirm uns mit mächtigem Zug wieder in die Höhe, um uns auf der anderen Seite wieder heruntersausen zu lassen.
Mein Lächeln gefriert. Die Gänsegeier haben das Weite gesucht.
Dann aber löst sich die Angst. Dann kam das Lächeln zurück. Herrje, was für ein Kick!!!
Ganz weit unten hält sich die Bonnie den Scheinwerfer zu.

Wieder auf dem Boden. Dort empfängt mich die Assistentin und schaute mich fragend an.
Everything fine? You need some rest?“
‚Everything‘ ist ‚fine‘, und ich brauche etwas Ruhe.
Ich steige auf die Bonnie, die hat den Scheinwerfer wieder frei und strahlt mich an. „Ach fliegen“, flüstert sie, „wie ich dich beneide.“
Sie macht eine Pause, dann vorsichtig: „Bist du vielleicht etwas zu alt dafür?“
Das ist eine gute Frage, auf die ich jedoch die Antwort verweigere.
Ich steig auf und wir beide brummelten gemütlich schwingend am Tarn zurück zum Campingplatz.
wasseramselErst mal Ruhe. Ich sitze über dem Fluss mit der Feigensaucisson und der rottannenveredelten grande specialité, eine Wasseramsel schwirrt über das Wasser, hüpft auf einen Stein, den ein klares Wasser ganz lebendig umsprudelt, wippt kurz in den dürren Beinchen und stürzt sich dann (jubelnd?) in das Wasser: Die Larve einer Köcherfliege hat es ihr angetan.
Über dem festlich gedeckten Bastmatte schwebt der Lou Claousou, und sein Aroma vermischt sich mit dem Duft der Linden und dem Bouquet des Terrane Rouge Terres du Tarn. Mon dieu, das Läbben kann so ärrlisch sein.k-16 abend

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