Abschied (1)

Immer habe ich meine ‚Good Morning, Bonnie‘ Texte mit der Bonnie abgesprochen. „Mal was über Kutschen am Bodensee?“ – „Wie? Kutschen? Was hat denn das mit Biken zu tun?“ – „Na, Pferde, Reiten, riding, biking, feeling great?“ – „Na, wenn du meinst, aber dann will ich auch was über Rilke.“
Immer haben wir uns geeinigt.
Aber diesmal habe ich meinen Blogbeitrag sozusagen hinter Bonnies Rücken zusammengebraut. Warum diese linke Tour?
Ja warum?
Wenn ihr den Text gelesen habt, werdet ihr mich verstehen und mir stumm und voller Mitgefühl die Hand drücken und respektvoll schweigen.
Und eines vorweg: Dieser Bericht wird etwas lang werden. Auch das werdet ihr, wenn ihr bis zum Schluss durchhaltet, verstehen. Um euch das Durchhalten zu erleichtern, kommt alles in vier Teilen.
Dies ist der erste Teil.

Teil 1: Die Anreise
„Sieben Tage auf Tour, na Bonnie, ist das nichts?“
Bonnie strahlt und lässt ihren Tank blitzen.
„Sieben Tage, runter über den Doubs, den kennst du doch?“
Täusche ich mich, oder wedelt sie mit den polierten Auspufftüten. Der Doubs, die 12-Pässe-Tour und der phantastische Gurkenmousse,
Schon höre ich ein

  • Hmm, c’est si bon
    Lovers say that in France
    When they thrill to romance
    It means
    that it’s so good

Und dann schmettert sie ein Trompetensolo aus ihren Chromtüten, dass Louis Satchmo vor Neid grau geworden wäre.
Und ich packe, und schon sind wir in Vaufrey am Doubs. k-01k-02 löwe KopieDer ist gefüllt von den unermüdlichen Regenfällen, die bis gestern die eher bedächtigen Juraschweizer hin und wieder mit der Faust auf die Tannentische haben schlagen lassen.
Der Löwenbrunnen in dem 150-Seelendorf ist noch vollgesogen mit feuchter Melancholie.
In St. Hippolyte schenken wir uns die Terrine d’Armagnac, denn wir haben es eilig und wollen runter zum Ain.
Bald nähern wir uns dem Viaduc de Cize-Bolozon, eine Doppelstockbrücke, oben fliegt der Zug über den Ain, und unten rollen die Autos.

MINOLTA DIGITAL CAMERA
Am Strand der l’Ile Chambod kann sich die Bonnie die heißen Reifen kühlen.
k-04 bonnie-chambod Kopie
Und ich?
Also mir geht es blendend. Der Campingplatz ist zwar versteckt, aber supranational, und die Lindenbäume duften.
Was serviert Bonnies supranationale Bordküche?
Einen kulanten Schoppen südafrikanischen Shiraz, einen leicht läufigen Obazda aus dem Allgäu, einen Tomme de Jura und einen salade d’écrevisse aus Thoirette. Dazu ein alemannisches Kürbiskernbrötchen, noch halbwegs frisch vom Edeka Backshop.
Als ich den Tomme de Jura zusammen mit dem alemannischen Brötchen auf meine Zunge lege, wird der Obazda beiseitegeschoben und das Messer mit der Zungenspitze sauber geleckt, denn auf die zweite Hälfte des Kürbiskernbrötchens wartet eine Terrine de Lapin.
Was für ein Abend! In der Nase die Lindenbäume, in den Ohren die Rolling Stones („Paint It Black“, was sonst!), auf dem Baguette die Terrine de Lapin, und neben mir süffelt die Bonnie ihr geliebtes E95: Ich bin total high.
Und dann schlagen die Götter zu – oder der Shiraz.
Zusammen mit dem Waschbeutel lagere ich das Smartphone auf Bonnies Sitzbank. Der k-05 sonyWaschbeutel ruht in sich selbst, das Smartphone gleitet leise und heimlich von der Bank, trudelt auf den Dorn des Seitenständers und plopp, die gläserne Rückseite sieht aus wie ein Hagelfeld, aus dem mich ein entsetzt aufgerissenes Auge anschreit.
Es reicht gerade noch für eine SMS: „Smartphone kaputt, Kommunikation gestört, heftig. Grüße“, dann bricht dem Phone das Auge.

Trotzdem ganz ordentlich geschlafen.
Der nächste Tag: Runter zum Tarn, neues Smartphone in Millau, in Sainte Enimie Kauf einer Saucisson mit Feigeneinlage und eines abenteuerlichen Schafskäses. „C’est une grande specialité“, versichert der Verkäufer.
Diese Spezialität ist ein Lou Claousou du Causse-Méjean, hergestellt aus roher Schafsmilch, der ovale Laib umspannt mit einem Rottannenband, das dem Käse einen Touch verleiht, der an den Ankerstellen deiner Zähne rüttelt.
Dann weiter nach Castelbouc. Das Dorf liegt immer noch malerisch unten am Fluss, romantisch (oder melancholisch?) umweht von dem Geist der Geschichte.
k-07 tarn
Ahhh! Was gibt es Schöneres als relaxen in der Abendsonne. Ich liebe diesen Zeltplatz direkt am Fluss.
k-06 zelt
Vor allem liebe ich ihn, wenn Bonnie ein handgemachtes Bier der Extraklasse serviert.k-06a bier
Die gute Bonnie, so nett, so aufmerksam. Ahnt die etwas? Sieht sie die Gedanken, die wie melancholische Schmetterlinge zwischen den sonnendurchfluteten Blättern der Linden taumeln, Gedanken wie ‚Mein Gott, das letzte Mal‘, ‚Nie wieder mit der Fußraste den Asphalt grüßen‘, ‚Was ist sie wert, die Bonnie, auf dem Motorradmarkt‘?

Es wird dunkel, Ich kann die Bandage für meinen defekten Carpaltunnel nicht finden. Wie soll ich bloß schlafen???
Habe gut geschlafen, trotz eines großen Zehs, der vom Krampf nicht lassen wollte. Habe dabei entdeckt, wie man mit dem linken Mittelzeh den Reissverschluss schließen kann. Die Wadenmuskeln schmollen. Ich habe sie ausgetrickst.
Am Morgen beim Aufstehen haut es mich um. Die Isomatratze hat einen Nackenwirbel aus der Fassung gebracht. Das Zelt beginnt zu kreisen. Ich kreise mit. Dann schau ich mich um. Gott sei Dank, rechts und links liegt alles noch in tiefem Schlummer.
Das Dorf auch. Kein Wunder, alles liebevoll restaurierte Ferienhäuser, deren Besitzer in Alès, Mende oder Aurillac auf die Ferien warten.
k-08k-09
Am Nachmittag reißt mich ein Telefonat mit Patrice …

Ein Kommentar zu „Abschied (1)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s