Pferdekutschen

Wir waren auf dem Rückweg von einer längeren Tour durch die Schwäbische Alb, tauchten ein in die wunderbare Melancholie eines Sonnenunterganges am Überlinger See,
k-01 owingen
die Bonnie machte sich’s unter dem Carport gemütlich für die Nacht, während ich in das Haus ging, wo mich die Frau mit leuchtenden Augen empfing. Die Spargelquiche wartete schon im Ofen, der Rosé aus dem Ortenau ruhte geduldig im Kühlschrank, und die Singdrossel in der Birke am Fluss legte sich so ins Zeug, dass Bonnie draußen unter dem Port von den sanften Hügeln ihrer Heimat zu träumen begann.
Am nächsten Morgen, als ich ihr die Kette ölte, war sie sie aufgezogen.
Bonnie hatte einen Traum.
„Schwarz-weiß oder farbig?“
„Natürlich schwarz-weiß, jeder ordentliche Traum ist schwarz-weiß.“
Sie schaute mich an. „Und er war mit Ton, wenn du das auch noch wissen willst.“
Ich muss zugeben, dass ich diese Frage schon auf der Zunge hatte.
„Du kamst da auch vor, aber ich weiß nicht mehr wie.“
„Was weißt du denn?“
„Also, da war eine Kutsche, vierspännig, und die Pferde, mein Gott die Pferde …“ Bonnie fehlten offensichtlich die Worte, dennoch entstand das Bild ihres Traumes vor meinen Augen.k-02 bonnies traum 2Und ich hörte: „1892 fuhr, so heißt es, der Enkel des Markgrafen von Schwaben mit seiner Geliebten und deren Ehemann, der seinen eigenen Geliebten dabei hatte, dessen Ehefrau zuhause dem Jäger, der auf den Posten des Oberjägers scharf war, den kühnen Kinnbart streichelte, Richtung Schloss Salem zum Kuchen essen. Aber das wurde, weil …“
Leider werde ich nie erfahren, was bei dem komplexen Kuchenessen geschah, denn Bonnie verirrte sich in dem ihr ungewohnten Labyrinth deutscher Schachtelsätze, ihre Stimme verlor sich allmählich in einem unverständlichen Gemurmel und stellt sich dann ganz ab.
Auch sind mir und Wikipedia ein Markgraf von Schwaben unbekannt, aber Träume haben bekanntlich ihre eigene Logik

„Was ist denn nun! Wollen wir nun nach Salem wandern oder nicht? Bonnie wird ja mal drei Stunden ohne dich auskommen.“
Die Frau. Hab ich ganz vergessen. Mai, Himmelfahrt. Wir machen eine Wanderung. Nicht in den Himmel, aber nach Salem zum Schloss.
„Los“, sagt sie, „nun beweg dich mal.“
Bewegen ist mein Zauberwort, aber bewegen zu Fuß? Wandern? Ist das gut? Muss das sein?
„Es muss. Wir wollen nach Salem zum Kuchenessen – zu Fuß.“
Damit drückte sie mir einen Schlapphut auf den Kopf, der das empfindliche Stück (den Kopf) vor der Sonne schützen soll. Der Haarschutz hat sich schon vor vielen Jahren verabschiedet.

Also los. Vorbei an den vielen Weihern, die die Zisterzienser, Meister der Teich- und Fischwirtschaft, zwischen dem Schloss Salem und dem Bodensee angelegte hatten. Hoch steigen an den Weihern Wiesen und Felder.
Weite, Stille, Ruhe. Die Seelen lehnen sich selig seufzend weit aus dem Fenster.
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Wie? Was? Huschte da etwas durch das Bild? Wir gehen weiter. Eine Bank, wie schön.k-04 text wie
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Und schon ist die Kutsche in der Landschaft verschwunden, um für das nächste Gespann Platz zu machen, … k-07 elke kutsche .jpg
… aus der Schweiz, dem Paradies der Oldtimer aller Klassen. Die Pferde sind jedoch international gestrickt mit den üblichen Reibereien, …
k-08 text .jpg… aber wenn die Show beginnt, dann passt alles.
k-09 auss.jpgNoch zwei, die aus der Alpenrepublik angereist sind. Sie haben es eilig. Sie haben sich noch nicht ordentlich angemeldet.k-10.JPG
Diese haben schon, und können jetzt auf den Höhenweg hoch über dem Bodensee traben.k-11.JPG
So wie diese einen Tag späterk-12a-korr
Nanu, unser Schweizer Eliteteam rollt wieder an.k-13 a.jpg

Was für ein Abschluss! Faust, der Tragödie erster Teil, 10. Kapitel, hoch über dem Bodenseeund auf Hochdeutsch..k-14 faust1k-14 faust 2b.jpg

Am Abend bin ich wie aufgezogen. Das muss ich Bonnie erzählen. Die hört zu, nicht geduldig hört sie zu, sondern mit einer verlangenden Sehnsucht im Scheinwerfer, zart verhaucht von dem Atem der Melancholie.
„Faust, die deutsche Seele, weißt du, dass ich deswegen Deutsch gelernt habe?“
Sie macht eine Pause, dann seufzt sie leise.
„Weißt du noch was? Die Nacht hat ich ’nen wüsten Traum, / da sah ich fern am Himmelssaum / die Kutsche Satans mit dem Kind / so schnell wie Blätter in Sturmes Wind.“
Faust, Walpurgisnacht, der Traum des Mephistoteles, frei adaptiert von Bonnie aus Coventry, Gott sei Dank jugendfrei. Das Bike ist ein literarisches Wunder.
„Der war in Farbe. Ein Höllenfeuer. Du kennst doch den Blick von der Birnau hinüber zum Säntis.“k-15 endtraum.jpg
Ich kenne den Blick – und sehe den Traum: Mein Gott, der hat eine verstörende Power.
„Aber“, sagt Bonnie mit einem unsteten Blinken des Scheinwerfers, „dann kam es in Schwarzweiß. Grauenhaft – ein zu Tode erschöpftes Gespann gefolgt von einer schier endlosen Reihe von schwarzen Einrädern.“k-16 auss.jpg
Und wieder entsteht das Bild vor meinen Augen. Ich erschauere.
„Ach ja.“ Ein ganz tiefer Bonnieseufzer, „wenn ich wieder auf diese schöne Welt komme, dann nur als Pferd.“ Sie überlegt, dann träumerisch: “Vielleicht auch als zwei Pferde.“
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Ich streichele Bonnies Tank und gehe beklommen ins Haus. Ich mache mir Sorgen um die Gute.

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