Der Bergsteigerfriedhof: Einmal Meersburg – Wallis und zurück

Zermatt, der „Englische Viertel“k-18 viertel
oder
Wie wir einen ungewöhnlichen Friedhof kennenlernten

Vor einigen Wochen haben wir unser Wohnmobil verkauft und werden nun das Gefühl nicht los: „Irgendetwas fehlt.“
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Also sind wir hoch über den Berg geradelt und dann hinunter zu unserem Café am See.
Da sitzen wir bei Radler und Zwetschgendatschi.
Wir fühlen uns wohl, albern mit dem neuen Fotoapparat herum, und dann kommt es zu einem folgenschweren Dialog.
k-0-2 meersburg 2bIch: (Schiebe mir das letzte Stück vom Datschi zwischen die Zähne): Ich habe da eine ganz blöde Idee.
Pause
Sie: Nun sag schon. Was für eine Idee?
Ich: Und wenn wir morgen mit der Eisenbahn …
Sie: mit dem Zug!
Ich: Und wenn wir morgen mit dem Zug in das Wallis, nach Saas Fee oder Zermatt führen. Das wär doch was.
Sie (Ihre Gabel mit dem ebenfalls letzten Datschistück bleibt in der Luft stehen): Hat der dir da vorne zu viel Bier in das Radler gekippt?
Ich: Na,. lass man. War nur so eine Idee.
Sie: Es ist doch viel zu spät. Wir bekommen doch gar keine Unterkunft so kurzfristig. Die günstigen Tickets sind alle weg. Total verrückt.
Ich: Ja, stimmt. Ist verrückt.
Sie (leckt nachdenklich den letzten Kuchenrest von der Gabel): Also Lust hätte ich schon …

Und so buchen wir das Apartment (ohne Probleme), sie setzt sich in den Zug (auch ohne Probleme), und ich schwinge mich auf die Bonnie (Der dritte Lendenwirbel ist etwas unwirsch, aber sonst auch ohne Probleme).
Dann nähert sich jeder in seinem Gefährt dem gemeinsamen Ziel, und jeder freut, denn die Berge sind unsere Leidenschaft.
Dieser Leidenschaft ist auch die Bonnie verfallen.
Also am frühen Morgen über den Bodensee. Eine freundliche holländische Touristin macht von uns beiden ein freundliches Foto.k-01 fähre-korr
Über Wil und Wattwil runter nach Glarus. Kurz davor ein Schlenker in das malerische Klöntal. Am Wochenende sollte man sich diesen Schlenker lieber schenken. Die Schweizer sind verliebt in dieses Tal.k-02 klöntalersee1

Zurück nach Glarus und hoch auf den Klausenpass. Die Bonnie ist total begeistert. Nicht von der Passstraße – die ist schon ein schwungvolles Ding, aber solch schwungvollen Dinger gibt es in der Schweiz wie Sand am Meer – von der BMW ist sie begeistert. BMWs mit ihren ausladenden Zylindern sind ihr eigentlich ein Gräuel, Zylinder müssen aufrecht stehend den Tank am Bauch kitzeln können, der kichert dann immer so schön – aber sooo eine Rarität, dass sie das noch einmal erleben würde: Eine liebevoll restaurierte BMW R 75. „Die war zusammen mit der Zündapp KS 750 1941 bis 1944 als überschweres Wehrmachtsgespann eingesetzt worden“, informiert sie mich. Ich bin immer wieder erstaunt, was die so alles weiß.k-04 klausenpass1
Nach einem Aprikosenkuchen auf der Terrasse des Hotels – die Bonnie wartet bei der R 75, Aprikosenkuchen mag sie nicht – geht es weiter über Andermatt und den mächtigen Sankt Gotthard-Pass zu den weiten Serpentinen von Airolo, und bald hält die Bonnie mit leuchtendem Scheinwerfer am kleinen See des Nufenenpass.
Hier machen wir eine Pause, denn gleich beginnt der letzte Teile der Tour in das Oberwallis.k-05 nufenen 1
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Dieser Teil müht sich freudlos durch Brig und Visp und strebt dann hoch nach Saas Fee. Da wird die Bonnie im Parkhaus Saas Fee neben einer BMW Enduro geparkt. Die Flüche, die Bonnie durch das Parkhaus schallen lässt, sind so wüst, dass ein besorgter Vater seiner faszinierten kleinen Tochter die Ohren zuhält.

 

Hier erreicht dich kein Fluch. Hier hebst du ab. Hier schaust du der Unendlichkeit in die Augen.k-07 lac blanc8

Was die Schwarznase denkt, bleibt dir verborgen. Das gehörnte Schaf – „Ghornuti“, Gehörnte nennen die Walliser es und sind ganz verliebt in dieses Urschaf – ist nicht auf Ertrag hin durchgezüchtet. Schwarznasen hält man ihrer Schönheit wegen.k-08 schaf-auss

So sind sie das treffende Symbol für die Ursprünglichkeit dieser Landschaft. Und je höher du steigst, umso mehr nimmt dich die Wildheit gefangen, sei es an der Britanniahütte …09 britannia9a.jpg
… oder auf dem Kleinen Allalin mit dem Blick auf den Allalingletscher …k-10 britannia ray6

…oder beim mächtigen Wolkenspiel am Alphubelmassiv.k-11 alphubelmassiv

Dann willst du noch höher, steigst durch den Schnee, in 4000 Meter Höhe hat deine Atmung gut zu tun, …k-12a-allalin
… aber auf den letzten Schritten sind alle Anstrengungen verschwunden, und wieder …k-13 allalin4
… hebst du ab und schaust über eine Bergwelt, die dich süchtig machen könnte.k-14 allalin7

Weit im Hintergrund erhebt sich das Matterhorn.k-14 allalin

Dieser Berg hat schon viele süchtig gemacht. Friedlich steht er hoh er sich über Zermatt und spiegelt sich selbstverliebt im Riffelsee. Doch die friedliche Idylle täuscht. Das Matterhorn, das die Walliser das Horu nennen, ist nicht nur einer der schönsten Berge, sondern auch einer der mörderischsten.
Lange galt er als unbezwingbar.k-14 matterh.riffel
Am 14. Juli 1865 will es der ehrgeizige Brite Edward Whymper wissen. Mit einer 7er-k-15 gipfelSeilschaft stieg er von der Schweizer Seite auf – im Wettrennen mit seinem italienischen Partner und jetzigem Rivalen Jean-Antoine Carrel.
Whympers Ziel: Als erster Mensch auf dem Gipfel des unbezwinglichen Berges stehen. Sein Trick: Kurz vor dem Ziel durchschnitt er das Mannschaftsseil, um vorauseilen zu können. Was das Bergsteigerkollektiv davon hielt, wissen wir nicht, denn bei dem Abstieg riss das zweite Seil. Nur k-16a Whymper als junger MannWhymper und die beiden Schweizer Bergführer – Vater und Sohn – überlebten. k-17 absturzUm von einer möglichen Kritik an seiner Person abzulenken, hat Whymper erfolgreich die Schuld an dem Absturz auf den älteren der beiden Bergführer abgewälzt und damit dessen Leben zerstört.

Faszination, Ehrgeiz, Sucht – eine Mischung, die nicht nur für die Erstbesteiger tödlich sein sollte, wovon der Bergsteigerfriedhof in der Nähe der Straße Englischer Viertel ein ergreifendes Zeugnis ablegt.
Der eigenartige Name erinnert an die Briten, k-18 friedhofdie im 19. Jahrhundert in großer Zahl nach Zermatt (und Saas Fee) kamen, um die Alpenwelt zu entdecken, um die Ersten zu sein, die die berühmten Viertausender des Wallis eroberten.
Einige ihrer Nachfolger aus aller Welt haben auf dem Bergsteigerfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden.

Charles Richard Earnshaw. Mit Stolz und Liebe haben die Eltern diesen Stein gesetzt für ihren Sohn, der – wie so viele tödlich verunglückten Bergsteiger – den Tod beim Abstieg fand. Ermüdet? – im Taumel des Glücks? – in hastiger Vorfreude darauf, den Freunden von dem überwältigenden Erlebnis zu erzählen? Oder einfach ein mürber Fels, der in diesem Moment unter der zugreifenden Hand zerbrach?

„Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist.
Vorher gehörst du ihm.“

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Herbert Lothar B. Braum (29) und seine Frau Anni (27), frisch verheiratet, für die Flitterwochen nach Zermatt gefahren, in den weißen Traum der Berge. Leuchtende Augen, fliegende Haare und das strahlende Glück in ihren Herzen.

Was wollen wir bauen
in unserem kurzen Leben:
Mauern,
um uns zu verschanzen?
Oder Stufen,
um miteinander höher zu steigen
um unserer Schöpfung näher zu kommen?

Die Eltern und der Bruder erinnern auf dem Grabstein an Ophelias Trauer über den verlorenen Hamlet: „O welch ein edler Geist ist hier zerstört!“
Über Anni sagen sie nichts.k-20 braun
Eleonore Noll-Hasenclever. Sie galt als die erfolgreichste Bergsteigerin ihrer Zeit und war eine Frau, die ihr Leben selbst gestaltete.Eleonore_Noll-Hasenclever,_etwa_1910
Die Tochter aus gut situiertem Haus fand ihre Begeisterung für das Bergsteigen in einem Mädchenpensionat in Lausanne.
Als ihre Mutter Eleonore in Lausanne besuchen wollte, wurde sie von der sichtlich peinlich berührten Internatsleitung nach Zermatt weiter geleitet. Dort am Bahnhof entdeckte sie die Tochter in Hosen und eine Zigarre rauchend, das Gesicht braungebrannt. Als die Mutter aufgebracht um eine Erklärung bat, erhielt sie die Antwort: „Ich bin Bergsteigerin, Mama!“
Eleonore Noll-Hasenclever bestieg alle berühmten Viertausender der Alpen. Ihre Liebe galt ihrer Familie, aber noch mehr galt sie den Saaser Bergen. Als bei der Erkundung zur Besteigung ihres 41. Viertausenders eine Lawine sie von den Beinen riss, schilderte sie den Vorfall fast euphorisch: „Ein wahres Trommelfeuer von Schneeblöcken, dann schleuderte mich die Kraft der Lawine mitsamt dem Pickel eine Strecke fort, nahm mich galant auf ihren Rücken, wühlte mich zu unterst und warf mich wieder nach oben; ich suchte mit allen Kräften mich schwimmend auf der Oberfläche des Schneestroms zu halten, was mir auch gelang.“
Am 18. August 1925 traf sie beim Abstieg vom Bishorn eine Schneelawine, aus der sie nicht mehr rechtzeitig befreit werden konnte.k-21 hasenclever.jpg

Donald Stephen Williams. Die Eltern bezahlten ihrem 17jährigen Sohne seinen großen k-22a williams.jpgTraum: Die weiße Bergwelt des Wallis. Zermatt und seine Viertausender waren für den Teen das große Abenteuer seines Lebens. Auf dem Breithorn neben dem Matterhorn fand er den Tod.
„I chose to climb.“ Diese Worte setzten seine Eltern auf den Grabstein ihres Sohnes. Darunter hängt sein Eispickel, umhüllt von den Stars and Stripes.

Die Sorge der Eltern, mit der sie den großen Traum ihres Sohnes (vielleicht beklommen?) begleiteten, hallt nach in dem Grabspruch, der die letzten Worte variiert, die viele Eltern für Söhne und Töchter gefunden haben, die dieses Leben freiwillig verließen: „He chose to die.“

Freda Currant, eine englische Physiotherapeutin und Bergsteigerin aus Luton. Die junge Frau war voller Unternehmungslust mit vier Freunden und Freudinnen nach Zermatt zum Bergsteigen aufgebrochen. Am 6. August war derk-22b currant.jpg Höhepunkt des Urlaubes geplant, der Aufstieg auf das Matterhorn. Ihr eigentlicher Bergführer war ein Tag zuvor am Horu als vermisst gemeldet.
Am 6. August fand ein Suchtrupp die Leiche des Bergführers. „Als der Suchtrupp gerade den Leichnam des Bergführers hochheben wollte, hörte er Hilferufe vom Fuß des Berges. Ein Engländer rief, dass seine Kameradin abgestürzt sei. Der Suchtrupp begab sich sofort zu dem Ort und fand den Leichnam einer jungen Engländerin.“ (The Birmingham Post & Mail)
Es war Freda Currant.

Irmgard Schiess und Victor de Beauclair. Sie stürzten am 15. August 1929 unterhalb des Matterhorns ab.
De Beauclair galt als einer der großen beauclair.jpgAlpinisten seiner Zeit, seine Ballonfahrten wurden bewundert. Legendär sind seine Alpenüberquerungen und seine Flüge von der Schweiz bis nach Genua.
Zehn Jahre nach seiner Geburt 1874 in Brasilien zogen seine wohlhabenden Eltern nach Freiburg, wo er Medizin studierte. Bald lebte er abwechseln in Freiburg und in Zürich: Der Schwarzwald und die Waliser Berge waren seine Welt geworden.
In Freiburg lernte er Irmgard Schieß kennen, die von Hannover nach Freiburg umgesiedelt war. Mit ihr teilte er die Begeisterung für die Berge.

De Beauclair hatte bereits etliche Gipfel, auch das Matterhorn, bestiegen. Daher wird Irmgard begeistert gewesen sein, als er sie einlud, mit ihr zum Bergsteigen nach Zermatt zu fahren.solvayhütte
Am 15. August 1929 bestiegen sie mit einer Gruppe das Hornu. Die beiden bildeten die zweite Seilschaft. Beim Abstieg suchten sie in der Solvayhütte in 4003 Metern Höhe Schutz vor einem Gewitter. Beim weiteren Abstieg brach unter de Beauclair ein Felsblock weg und riss ihn und seine Begleiterin 150 bis 200 Meter in die Tiefe. Das Unglück geschah an einer Stelle, die schon Tausende passiert hatten.
Waren Irmgard und Victor durch mehr verbunden als die Liebe für die Berge? Darüber erfahrend wir in den Chroniken nichts. Aber die Grabsteine neigen sich einander zärtlich zu.k-23

Als ich einige Tage nach dem Besuch des Friedhofes mit Seitenkoffern und Packrolle bei der Bonnie auftauche, rollt die bei meinem Anblick schmollend die Fußrasten ein, obwohl die BMW schon längst durch eine nicht mehr taufrische Moto Guzzi ersetzt worden ist. Die ist vor zwei Tagen vom Idro See gekommen. Wo das genau war, wusste sie nicht. Sie ist nur die Pässe hoch und runter gebrettert, aber die Pässe, „mio dio, die hatten es in sich, und war für Namen, ‚Passo di Croce Domini‘, da ist doch Musik drin, amore mio.“ Sie wirft der Bonnie einen Blick zu, dass ich denke: Muss ich jetzt k-25 schwyz2.jpgeifersüchtig werden?

Also, die beiden haben sich offensichtlich prächtig unterhalten, und es dauert eine Weile, bis sich Bonnie herablässt, mir einen Blick zuzuwerfen.
Ich lasse die Koffer einklicken, ich zurre die Rolle fest, ich erzähle vom Friedhof. Die Bonnie lauscht. Die Moto Guzzi lauscht auch. „Na“, sage ich, „morgen erzähle ich weiter.“
„Du Ungeheuer!“
Das war die Bonnie.
„Bastardo!“
Das war die Moto Guzzi.
Immerhin: Brav bringt mich die Bonnie nach Schwyz direkt vor das geschichtsträchtige Rathaus.

Als wir auf der Fahrt auf der wunderschönen Passstraße über das Ibergeregg zum Sihlsee eine Pause machen und ich ihr von der tödlichen Faszination der Berge erzähle, von den Todesstürzen, von den trauernden Eltern, den vom Gestein zermalmten Hoffnungen, da schaut Bonnie über den See.
„Ach ja“, seufzt sie, „wenn die Einspritzpumpe es einfach nicht mehr bringt und mir den Saft verdünnt, wenn die Kurbelwelle rüttelt und die Kolbenringe schlaff werden, dann den Col de l’Iséran noch einmal hoch und bei der Abfahrt mit Schwung über die Planke.“
„Oh Gott“, denke ich, „was habe ich da nur angerichtet.“k-26 Ibergeregg-korr.jpg

Aber da sind wir schon auf der Fähre über den Bodensee und Bonnie freut sich auf ihren Carport.k-27 fähre

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