Val Veny oder die Dialektik des Alterns

Ja, sagt die Bonnie, da kannst du über sieben Pässe jagen, da kannst du tief hängend durch die Kurven fetzten, es hilft alles nichts: Es gibt Momente, da weißt du: Nicht nur die Ökonomie, sondern auch dein Alter folgt den Gesetzen der Dialektik.
Ich schau sie fragend an. Hat die Marx gelesen?
Aber Bonnie ist schon weiter: „Hier etwas am Blutdruck gedreht, da etwas im Kniegelenkt geschmirgelt und irgendwo den Muskelabbau angekitzelt, und eines Tages, zack, schlägt sie um, die Quantität deine Alters in eine neue Qualität. Leider ist die nicht besser als die alte. Wie oft du diesen dialektischen Sprung noch mitmachen wirst, ist dir in gnädiger Weise verborgen.
Sie hat Marx gelesen!
Und ich frage mich: Hat sie also recht? Und wenn ja, wann war bei mir so ein Tag, an dem es ZACK gemacht hat?
Und schon steht er vor mir, dieser Tag. Es war der Tag, an dem ich das zweite Mal hoch zum Bivacco Rainetto gestiegen bin.k-Karte.JPG
Dabei fing alles so wunderbar an. Chamonix, Sonnenschein, Eisessen (im Le Bartavel, k-01 superuChocolat noir und Glace pistache, es gibt nichts Besseres), im Super U Paté, Terrine und Käse gebunkert, rein ins Wohnmobil und ab zum Tunnel Monte Bianco.

Da wollten viele hin. Die wollten auch alle nach Italien. Vom Ortsausgang bis zum Tunneleingang standen sie über alle Serpentinen hinweg Stoßstange an Stoßstange: Brummis, Womos, PKWs. Man drehte Däumchen, man fuhr einige Meter vor und dreht wieder Däumchen.
Nach guten, also eigentlich nach weniger guten 60 Minuten durften wir 57 Euro bezahlen und durch den Tunnel brummen.

k-02 vor 10 jahren montage.jpg
Und so kamen wir nach zehn Jahren wieder in das Val Veny westlich von Courmayeur.
Ein wildes Tal, ein schönes Tal, ein Tal voller wunderbarer Erinnerungen. Eine dieser Erinnerungen war das Bivacco Rainetto am Fuße des kleinen Mont Blanc.k-03 058-mb-petit
Der Weg dahin hatte es in sich. Dreimal verlaufen, zweimal auf dem Hinweg und einmal auf dem Rückweg – und da richtig. Auf Finger- und Fußspitzen, breit gemacht wie eine Spinne, robbte ich über ein weites Geröllfeld auf die andere Seite, um wieder auf den rechten Weg zu kommen.
Der Lohn für den Aufstieg von 1507 auf 3047 Meter: Von Norden wälzt sich der Gletscher des Kleinen Mont Blanc bis fast an die Wellblechhütte, nach Süden ein weiter Blick auf das mächtige Massiv des Gran Paradisos.k-04 061-mb-petit
Und unten wieder angekommen jubelten alle Fasern meines Körpers: Was für eine Tour, was für ein Abenteuer.
Und jetzt zehn Jahre später wusste ich: Das mache ich noch einmal.

Also 10 Uhr mit dem E-Bike vom Campingplatz hoch zum Lago di Combal.k-05-combal
10:15 Uhr. Rucksack auf dem Rücken und los.
Langsam versinkt die weite Hochebene mit ihren mäandernden Flussläufen in der Tiefe.k-06 Lago di Combal1
Ich verlaufe mich und plötzlich schaut mir ein junger Steinbock in die Augen. „Hey“, denkt der, „das sieht nicht gut aus. Der Alte kriecht ja in die total falsche Richtung“, und schwenkt seine Hörner nach links.k-07 steinbock4
Und ich finde den rechten Weg und steige weiter, das marode rechte Knie schonend. Der linke Oberschenkel muss doppelt ran.
Der Lac di Miage taucht aus seinem hohen Versteck über der Bar Combal (wo du einen Grappa bekommst, simplicemente fantastico e meraviglioso!)
Dann blockiert ein aufsteigendes Schneefeld den Weg. Damit habe ich nicht gerechnet.
Während ich mit dem Fuß mühsam Tritte in den harten Schnee meißle, segelt an mir ein Bergsteiger die Schneefläche herunter. Dann folgt die übrige Gruppe. Die segelt nicht. Die ist vorsichtiger.k-09DSC01106-auss
Mir bricht der Schweiß aus. Ist er das wirklich wert, dieser Kampf gegen die Endlichkeit? Nur mal sehen, ob man immer noch fit ist? So fit wie vor zehn Jahren?
Aber wer kehrt schon gerne um!
Über dem Schneefeld ist kein Weg mehr zu sehen. Nur ein gelber Pfeil. Der zeigt lakonisch den Felsen hoch.
Also klettern. Mir pfeift der Atem ein unschönes Lied. Über dem Aiguille de Combal proben die Knie unisono ihren Aufstand. Erfolgreich proben sie ihn. Ich mache eine Pause und schaue dem Aiguille auf die Nadelspitze.k-10 DSC01109.JPG
Ich weiß: Nur noch 150 Meter. Das gibt Kraft und bald leuchtet das Bivacco mir rot entgegen.
13:30 Uhr. Geschafft! Was bin ich froh. Der linke Oberschenkel ist das nicht. Der stöhnt. „Wackelpudding, ich bin ein Wackelpudding.“
Ich aber bewege mich leicht und locker, denn da oben bin ich nicht allein. Zwei Bergsteiger schauen mir zu. Die machen sich gerade fertig für den Abstieg.
Einem gebe ich meinen Fotoapparat und schleppe mich zu meinem Kreuz.k-11 oben müde
„Action“, ruft mein Fotograf. Ich versuche mich in Action.k-12 oben weniger
„Bloody hell“, ruft er, „move“!
Und ich muwe und schreie mir die Kehle aus dem Leib. Tolle Action, aber die Wirklichkeit dahinter ist nicht toll.k-13 DSC01115
14:30 Uhr. Mein Abstieg beginnt. Tief, tiefer am tiefsten.
Das marode Knie zeigt sein hässliches Gesicht. Es weigert sich, so einzuwinkeln, wie es Sitte, Anstand und die göttliche Anatomie verlangen.
Ich humpele von Stein zu Fels zu Schotter. Noch 1300 Meter Höhenunterschied liegen vor mir. Schon wieder bricht mir der Schweiß aus.
Da lächelt mich das Knie an. „War nicht so gemeint“, flüstert es und funktioniert plötzlich so, wie es im Weltenplan vorgesehen ist.
Aber nicht der linke Oberschenkel. Der hat die Schnauze voll. Der weiß, wo sein Limit ist, und das ist bereits überschritten. Er will mir jetzt eine Lehre erteilen. Für jeden Tritt nach unten tritt er dreimal zurück.
1100 Meter Höhenunterschied. Krämpfe im Oberschenkel, erst rechts und dann solidarisch links. Ich tanze im Kreis in der Hoffnung, die Krämpfe zu beschwichtigen.
Mit Erfolg. Alles ruhig im Fahrgestell. Die Knie funktionieren, die Krämpfe haben ihren Spaß gehabt. Der Lac di Miage taucht wieder winzig auf …k-14 Lago di Combal2
… und verschwindet langsam. Noch 400 Meter. Wie schön.
Und da gibt das Geröll unter mir nach, ich stoße die Stöcke in den Untergrund, sehe wie in einer Zeitlupe, dass der rechte Stock sich elegant verbiegt.
„Sauber“, denke ich, „mein Testsieger, flexibel wie ein Sprungsstab“, und schon knalle ich in den Schotter.
Der alte Steinbock wundert sich über nichts. k-15 steinbock2Seine Tochter hat ihm was von einem Alten erzählt, der vor einer Stunde den Berg hochpustete. „Du glaubst nicht, Papa, wie dämlich der über die Felsen gekrochen ist.“
Immerhin, ich bin Okay, der Stock ist hin. Der Testsieger ist total verbogen. Da muss ich wohl den falschen Test gelesen haben.
17:05 Uhr: Ich bin unten, der wunderschöne Lac di Combal, dem ich nach dem Abstieg vor 10 Jahren noch einen letzten freudigen Blick schickte, …k-16-combal
… hat heute seine Schönheit verloren.
Jeder Tritt bis zur Bar Combal eine Qual. Ich hole mir ein Bier und eine Sprite und mixe mir ein Panaché.k-17 bar combal montage
Eine halbe Stunde später rolle ich beim Womo ein, ein kleines Kind hätte mich umpusten können.
Und am nächsten Tag? Ein Muskelkater im linken Oberschenkel, dass sich die Balken biegen.
Und am übernächsten Tag? Die Balken biegen sich immer noch.
Und dann? Dann ist der Muskelkater fort, dann dreht der dritte Wirbel von unten durch, und ich liege vor dem Wohnmobil im Gras und komme nicht mehr in die Senkrechte.
Meine Frau sagt: Ich war auch an dem Tag in der Bar. Da habe ich inmitten einer Herde junger Steinböcke einen Früchtekuchen verspeist. Mir ging es blendend.
Was lerne ich daraus? Das weiß ich noch nicht. Die Bonnie, die sonst immer alles weiß, weiß es auch nicht, aber wir beide wissen: Es wird nichts Gutes sein.

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