Bonnie und der Herbst

Bonnie? Wer ist Bonnie? Doch nicht DIE Bonnie!?
Also Bonnie hat zwei Räder, und ihre Großmutter ist in den 60er Jahren mit 193,7 mph über die Bonneville Salt Flats in Utah gefegt und hat einen heißen Rekord nach dem anderen aufgestellt.
Bonnie schwärmt von Steve Mac Queen. Aber dann hat Bonnie Rilke gelesen. Das hat ihr einen unheimlichen Kick gegeben.
Was? Bonnie hat Rilke gelesen?
Wie? Bonnie kann das nicht?
Natürlich kann Bonnie das. Bonnie ist eine britische Lady mit gestandenen 900 cc. Bonnie kann alles, auch Rilke lesen.k-min deern-end.jpg
Und: Bonnie steht auf deutscher Kultur – trotz AfD und schweißigem Händeschütteln.
Also: Bonnie ist total begeistert: „Kennst du Rilkes ‚Herbsttag‘“?
„Welchen genau?“, will ich wissen, „da gibt es eine ganze Menge.“
„Banause“, knurrt sie aus ihrem Getriebe heraus,“ ich meine natürlich DEN Herbsttag.“
„Ach den, das ist schon ein beeindruckendes Gedicht.“
„Beeindruckend?!“ Bonnie lässt entrüstet das Getriebe krachen. „Genial ist das. Da leuchtet ein deutsches Genie.“
„Rilke war Tscheche“, gebe ich zu bedenken.
„Nonsense, aus ihm spricht die deutsche Seele.“
Und schon legt sie los, dass die Kette rasselt: „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.…“
Sie unterbricht sich: „Weißt du was?“
„Was?“
“Heb deinen Pensionärsarsch, Mann. Wir machen eine Herbsttour.“
Was soll ich dazu sagen! – Nein? – Also das auf keinen Fall.
Und schon rollen wir ins Donautal zur Rilke Tour.

Rast auf der Schwäbischen Alp. Die Bonnie entfaltet ihre Flügel:
01-herbst 2.jpgHerr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Einmal in Schwung will sie zur Donau hoch und hinauf auf den Eichfelsen.
„Herrje“, rufe ich, „du bist keine Enduro, du bist ein Tourer, verstehst du, du bist ein Tourer.“
Ihr kommen die Tränen. Ich zeige ihr auf dem Smartphone ein Foto, Blick vom Eichfelsen.k-aaa.jpg
„Ach, ist das schön!“ Und sie weint bitterlich.

Zum Trost fegen wir schwungvoll die abenteuerliche Abfahrt herunter zum Kloster Beuron.
Da beten die Mönche, einige fasten, andere betreiben die Metzgerei. Das Sortiment ist superb.
Bonnie strahlt …03-herbst 4a korr
… und als sie in sanften Schwingungen an der ruhig und herrlich umständlich dahinfließenden Donau entlang segelt („Ich bin ein Tourer, ich bin ein Tourer!“), da hängt ihr eine melancholische Träne im Scheinwerfer.k-2 donau.jpg
„Good gracious me“, seufzt sie, „this is incredibly beautiful.“

Ich finde das auch unglaublich schön, aber irgendwie kribbelt es mir im Handgelenk. Ich gebe Gas, will die Fußrasten die Kurven kratzen lassen.
„Bist du blöd“, kreischt die Bonnie, „wirst du denn nie erwachsen. Wenn du schon nicht auf mich hörst, hör auf deine Frau. Entschleunigung ist das Zauberwort. Da! Los! Rechts rein.“06-herbst 5a
Ich knalle die Motorradstiefel zusammen, und schon rollen wir zum Talhof, dem Lieblingsplatz der Wohnmobilisten.
Da sucht der Schildkrötendinosaurier gerade an der Wand seine Einzelteile zusammen.

Hinten am alten Wasserwerk posiert Bonnie. “Ah, Astern!“ stöhnt sie. „Das ist Herbst pur.“04 k-herbst 1
Und sie legt los:
„Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.“

„Ah, stöhnt sie noch einmal, als sie sich in die Astern vertieft, „ich halt es nicht mehr aus. 05-herbst 3a.JPGWas für eine Dialektik. Außensicht und … 02-herbst 3.JPGInnensicht .
Das ist die Synthese von Philosophie, Psychologie und Gottes weiter Welt.“

Ich mache mir Sorgen um den Gemütszustand meiner Bonnie und rolle, ja, ich fege nicht, ich rolle zur Neumühle
Die liegt mit ihrem Kuchenbuffet für Wanderer und Biker strategisch günstig zwischen Beuron und Sigmaringen.07-neumühle.jpg
Bonnie mag keinen Zwetschendatschi, schon gar nicht mit Sahne. Aber ein Schuss Kettenfett auf die Kette, und sie strahlt.
Sie strahlt noch mehr, als sie den Kanal entdeckt, der hier ruhig und diskret von der Donau abzweigt. Dem viel zu klaren Wasser würden ein paar Ölflecken gut tun, meint sie, aber was für eine Romantik!08-kanal.jpg
„Weißt du, wie der heißt?“, will sie wissen.
„Das ist der Betriebwerkskanal Thiergarten.“
„Mein Gott, ihr Deutschen. Am Behördendeutsch werdet ihr noch mal ersticken.“
Als sie dann hört, dass der Kanal zum Wasserkraftwerk Thiergarten gehört, und dass dieses historische Wasserkraftwerk von der Bundeswehr als Besitzer- und Betreiberin 09 wasserwerk.jpgliebevoll gepflegt wird, da ist für sie das Deutschlandbild gerettet: „Ich liebe die Deutschen. Sogar ihre Krieger sind unverbesserliche Romantiker.“
Da sage ich lieber nichts und drücke auf den Anlasser, und die Bonnie schnurrt los.
Bis nach Gutenstein. Da gerät sie außer Rand und Band. Ne Yamaha Virago, eine etwas betagte Lady, berichtet sie aufgeregt, war mit ihrem Driver mal in Sigmaringen. Der, also der Driver, war ein Oberstudienrat mit Hobby lokales Volksgut – oder so was in der Richtung. Der hat im Archiv des Schlosses eine Postkarte aus dem Jahre 1902 gefunden.11 Gutenstein.jpg
„Die hat se mir gezeigt, echt. Und da sieht Gutenstein genauso aus wie heute.“

Ach, ich liebe meine Bonnie, und als sie einen letzten Blick auf die Donau wirft, bevor wir Richtung Bodensee rollen, und Rilke eine letztes Mal zitiert, habe auch ich ein scheue Träne im linken Auge hängen.10-herbst 6.JPG

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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