In den Westalpen unterwegs – 4. Tag

Der vierte Tag: Col de la Bonette und Col de la Cayole– 9:00-18:00 Uhr/336 kmk-00 4 text .jpg

Mittwoch. 7:30 Uhr hoch zur Alimentation, ein Baguette, eine Scheibe Terrine forestiere und ein Bündel Radieschen, gefrühstückt, In den Bäumen hängt die Sonne, im Ohr Champion Jack Dupree. Der haut in die Boogie Woogie Tasten, dass der Specht drei Bäume weiter sein Wummern unterbricht.
Jack Dupree? Mein Gott, ist das lange her.

dkw rt 250 s
Mein erstes Bike; Das war ein Paradiesvogel in der schwarz-weißen Designperspektive der 50er Jahr

In Rotenburg an der Wümme, damals, als ich mit der  250er DKW auch im Winter zur Schule jagte, haute er auch so in die Tasten, und die Stadthalle tobte.

Ich wisch mein Messer an der Nietenhose ab, schaue auf meine Trauerränder, da muss was gemacht werden, schaue zum Himmel. Super. Die Luft, auch super. Heute wasch und manikür‘ ich mir die Hände, fahre ohne Handschuhe und in Jeans, und wenn es richtig heiß wird, dann pelle ich mir die Jacke vom Leib und lasse den Fahrtwind meine Arme streicheln.
Ich lächle, stehe auf und packe den Tankboy.
Um 9 Uhr leuchtet der Bonnie der Scheinwerfer. Hoch zum Col de Vars, den kennen wir, das ist ein Spaß. Runter zur D900 und rechts ab nach Jausiers.
Und da geht links weg und los. Drei Pässe auf 60 Kilometer. Vorbei an den still gelegten und vor sich hin schimmelnden Casernes de Restefond, die noch im Zweiten Weltkrieg Teil der Maginot-Linie waren, schon kommt der Col de Restefond, und schon fegt die Bonnie zum Col de la Bonette auf eine imposante Höhe von 2715 Metern.
Die Fahrradfahrer fegen nicht, die hecheln. Hier ein Protokollausschnitt: Col de la Bonette monté en 2h17 pour 23 kilomètres à 10,1 de moyenne! 1420 mètres de dénivelé.
k-28a bonette 1.jpg
Grandiose Leistung auf einer grandiosen Auffahrt, aber die alpine Landschaft hier oben ähnelt einer riesigen Kohlenhalde, schwarz, verkrümelt, freudlos.
Das ist der Bonnie und mir nicht ungekannt, wir sind nicht das erste Mal hier oben. Aber auf den Extraschlenker rund um den Cime de la Bonette, der uns auf über 2800 Metern bringt, haben wir uns beide gefreut. Das Panorama, das dieser Schlenker bietet, ist atemberaubend.

Doch der Schlenker unterbleibt. Auf der Passhöhe stehen die Biker und ihre Maschinen und starren auf die Schneebarriere: Der Schlenker ist gesperrt.k-28b bonette montage.jpg
Also scharf links ab zum Col de Raspaillon. Die kurvenreiche Abfahrt führt durch das zerfallene Camp des Fourches – die Alpenregion Italien-Frankreich ist übersät mit Festungsanlagen – und dann ein plötzlicher Stopp, gewendet, Bike abgestellt, Fotoapparat herausgeholt. Drei Frauen am Straßenrand, nein, nicht in geschlitzten Röcken oder Latexpanties, auch nicht am Rand stehen sie, deutlich oberhalb des Randes. Starr und fremd und steinern. Zu ihren Füßen eine Tafel mit einer Aufforderung: Ecoutez LE CHANT DE LA TERRE
k-33 statuen.jpgGustav Mahlers „Lied von der Erde“ als Antwort auf Zerstörung und Tod?
Der Bonnie sind solche Fragen unangenehm. Nachdenklichkeit ist nicht ihr Ding. Sie will weiter, und so geht es flott die Tinée hinunter. k-36 tinée.JPG
In Saint Sauveur sur Tinée rechts ab, die Sonne brennt, die Fahrerjacke zusammengerollt und verstaut und dann erfreulich steil in die Höhe geschossen, über Guillaumes Richtung Col de la Cayolle. Da heißt es ACHTUNG! Nicht einfach die Kupplung fliegen lassen. k-35 mumelschild.JPGHier tummeln sich nicht nur Biker mit und ohne Motor.k-36 1 murmeltiere.jpg
Und schon windet sich die Straße bei strahlendem Sonnenschein hoch zum Pass, dass es k-37b col de la cayolleeine Freude ist. Damit sich Maschinen- und schweißtriefender Pedalverkehr nicht in die Quere kommen, ist ein ordentliches Fahrradwegenetz eingerichtet.
Auf der anderen Seite des Passes tief unten führt uns die Ubaye zum Lac de Serre-Ponçon, ein malerischer Stausee, den wir zugleich mit einem aufziehenden Gewitter erreichen, das dem malerischen Anblick eine düstere Note gibt.
k-38 Savines le-Lac.JPGSo war auch wenig von der Kapelle Saint-Michel zu sehen, die beim Bau des Staudammes in den 50er Jahren eigentlich abgerissen werden sollte. Doch da sie über der errechneten maximalen Wasserhöhe stand, durfte sie stehen bleiben. Ich bewundere Leute, die rechnen können, vor allem in diesem Fall. So thront jetzt die Kapelle in schöner Romantik mitten im See.k-38a Lac de Serre-Ponçon.jpg
Trotz des sonnigen Fotos laufen wir ziemlich triefend in Guillestre ein. Die Bonnie ist stinkig. Ihr Auspuffrohre, die verchromten, sind total eingesaut.

Die Stimmung der Bonnie kann sich auch nicht verbessern, als ich den etwas feuchten Campingplatz spontan verlasse, in den Ort trabe, dort im „Dedans Dehors“ einen Platz am Fenster belege, ein bière pression runtergurgle, den fälligen Rülpser weltmännisch diskret zurück in die Eingeweide sende (Wo er übellaunig vor sich hin grummelt und sich andere Wege sucht.), dann die Speisekarte durchsuche, und fünfzehn Minuten k-38b souffle.jpgspäter steht auf meinem Tisch ein Ziegenkäsekäsesoufflé, das mir die Freudentränen in die Augen treiben sollte.
Der Schoppen Roussette de Savoie verhindert, dass diese Tränen in die Melancholie abgleiten, doch auch der dritte Schoppen kann die hartnäckige Frage nicht wegwischen: Warum vermisse ich schon wieder meine Frau?

Und so in Gedanken kehre ich zurück zu meinem Zelt, suche mühsam, aber erfolgreich den Waschbeutel mit der Zahnbürste und dem übrigen hygienischen Zubehör, will an der Bonnie vorbei zum Waschraum, die kickt den Seitenständer aus und ich knalle in  das Gras, das feuchte. Die Bonnie blickt unschuldig in die Sterne.
Und der Seitenständer? Den hat sie wohl wieder eingefahren.

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