In den Westalpen unterwegs – 1. Tag

In den Westalpen unterwegs

Zeit der Handlung: 11. bis 16. Juni
Personen der Handlung: Frank und Bonnie (alias Triumph Bonneville SE)
Die mitwirkenden Provinzen und Pässe in der Reihenfolge ihres Auftritts:

Wallis, Savoie, Département Hautes-Alpes, Piemont, Uri.
Col du Grand St. Bernard – Col du Petit Bernard – Col de L’Iseran – Col du Galibier – Col d’Izoard – Col de Vars – Colle dell’ Agnello – (Col de la Bonette) – Sankt Gotthard Pass – Furka Pass – Klausenpass (Für die meisten gilt: Auf  Wintersperre achten)

Vorwort
Warum träume ich seit einiger Zeit oft diesen Traum:
Mathearbeit wieder verhauen. „Können kommt von was tun, Richter“, lacht durch seine Raucherzähne mein Lehrer, den wir wegen seines wolligen Aussehens und unserer sanduhr.pngaltsprachlichen Bildung wegen „Zeus“ nannten.
„Tja, mein Lämmchen“, lächelt meine Mutter und poliert liebevoll ihre altmodische Sanduhr, „im Leben wird einem nichts geschenkt.“
Ich wälze mich auf die andere Seite. Wie ich es hasste, dieses „Lämmchen“, aber vor allem diese Sprüche – und wie ich sie viele Jahre später mühsam zu schätzen lernte, als Tröster und als Retter in seelischer Pein.

Und damit kommen wir zum Thema: Die letzte Tour? Die Abschiedstour? Was soll nur aus mir werden!
Ich bin 74 Jahre alt.
Ich fahre solo.
Warum?
Warum nicht?

Freitagabend, Tagesschau, Gabriel gegen Erdogan, es wird spannend, Schulz gegen Merkel, ein Gähnreiz würgt hinter meiner Zunge, Wetterbericht, das Gähnen ist weg: Fettes Hoch über den Alpen, die Luft riecht nach Motorradtour. Aktivität ist angesagt, denn Zeit wird für den Senioren, der verschiede Arzttermine koordinieren muss, immer knapper. Die Frau seufzt. Sie hat mir gestern einen Zeitungsartikel hingelegt.
Motorradfahrer starb noch an der Unfallstelle
unfallBei einem Frontalzusammenstoß auf einer Bundesstraße im Sauerland ist am Freitag ein 67 Jahre alter Motorradfahrer ums Leben gekommen.
Eine 57-jährige Autofahrerin hatte beim Überholen eines Lastwagens auf gerader Straße das entgegenkommende Motorrad übersehen, wie die Polizei berichtete. Motorrad und Auto kollidierten frontal.

Sonnabendmorgen, Seitenkoffer und Gepäckrolle gepackt, mit der Frau eine Fahrradtour gemacht und über alles Mögliche gesprochen, nur nicht über das Motorradfahren.
Am Nachmittag mit Bonnie kurz hoch zum Lerchenberg über Meersburg, ein weiter Blick auf den Säntis und die Alpen, dann wieder runter und alles vertäut.k-01aa3 höhenweg end2b

Der erste Tag: In das Aostatal – 8:45-17.45 Uhr / 476 kmk-00 1 tag.jpg

Sonntag. Unruhig geschlafen, zerknittert aufgewacht, die Frau, die mich mit unruhigem Blick anschaut, lange umarmt, und dann geht’s um 9 Uhr los zur (wirklich letzten?) großen Tour.
Ohne zu fackeln über die B 31 und die Schweizer Autobahn runter zum Genfer See. Kurzer Stopp hoch über Montreux. Achtung, der Parkplatz kommt schnell, und zack bist du vorbei. Wer ihn verpasst, hat was versäumt. Der Blick über den See ist hier ein Traum.k-02 genf

Weiter nach Martigny, das wir flott durchfahren. Hier sind zwar viele Römer begraben , aber das hat nicht zur Lebendigkeit der Stadt beigetragen, wie sollte es auch.
ABER: Hier beginnt die eigentliche Motorradtour, kurvig geht es hoch Richtung Col du Grand Saint Bernard.
Bei Orsières in das Schweizer Val Ferret eingebogen, die Bulette und die Radieschen aus dem Tankboy geholt, bei brütender Hitze Mittagspause gemacht, gefolgt von dem obligatorischen Verdauungsschläfchen (Gott sei Dank im Schatten einer kräftigen Lärche).k-03 pause

Dann hoch zum Pass. Den Tunnel lassen wir links liegen und orgeln uns durch die Windungen der Passstraße nach oben. Da hat sich der Winter noch nicht ganz verabschiedet. Trotz seiner fünf Sterne gehört der große Sankt Bernard nicht zu meinen Lieblingspässen. Alles etwas zu massig, alles etwas zu grau, alles etwas zu groß.k-04 gr bernard
Allerding: Der Pass hat als wichtige Handels- und Pilgerroute eine lange Geschichte und Bernard von Aosta gründete hier 1050 ein Hospiz für gestrandete Alpenreisende, eine der ersten Stationen zur Rettung aus Bergnot. Noch heute ist hier Kost und Logis kostenlos – aber nur für den, der diesen Pass mit eigener Kraft erreicht hat. Motorradfahrer werden zur Kasse gebeten oder müssen hochschieben.

Runter geht es, vorbei an Hund und Herrchen nach Aosta, k-06das wird am linken Rand durchfahren. Nach einer Stunde laufen wir im Val Ferret ein, dem Val Ferret im Aostatal bei Courmayeur
Das Val Ferret! Mein Lieblingstal, gleich unterhalb des Mont Blancs. Und der Campingplatz in Tronchey, der schönste, den ich kenne. Wie oft sind wir dort mit dem Wohnmobil gewesen, zum Wandern hoch auf den Col de Ferret oder zum Relaxen unten in der Bar Mont Dolent bei Vanilleeis und Waldbeeren.

Allerdings: Für Wellness-Freaks ist hier nichts zu holen. Morgens ist das Wasser kalt, Zeitungslesen auf dem Hockklo setzt ein ordentliches Training voraus, die Dusche braucht vier Minuten, bis sie heißes Wasser liefert.
Aber der Blick! Links der aufragende Mont Blanc, rechts der abenteuerliche Aufstieg zum Colle Battaglione Aosta. k-07 colle batt.jpg
Und nebenan in dem etwas angeschabten Bar Ristorante Tronchey, kurz auch ‚Giulietta‘ genannt, serviert der farbige Koch ein coniglio al forno con polenta, ein Kaninchen mit einer Senfsauce veredelt, eine Senfsauce, die mit der deutschen Namensvetterin nichts gemeinsam hat außer eben dem Senf.
Und gegenüber von Giulietta verkauft Fatou, eine athletisch gebaute Schöne aus dem Senegal, einen Fontina dolce aus den Bergen Piemonts, der Freude macht.

Also jetzt rauf auf den Campingplatz, mit einem Lächeln der Vorfreude im Gesicht – „Signore Richter, su una moto … impossibile … dov‘e sua moglie?“
Aber das Gesicht wird lang. Keine Überraschung, dass ich statt mit dem Womo auf dem Motorrad einrolle, keine Frage, wo denn die Frau sei, nein, der Platz ist geschlossen. Vorsaison!
Der Nachbarplatz ist auch geschlossen, aber der Chef – „When you trrravel, you need a place where you can stay, but only forrr one night“ – lässt mich hinter den sanitären Anlagen – „they arrr OK, just not quite clean“ – mein Zelt aufschlagen und macht sich wieder an die Arbeit, den Platz fit machen für den 15.6., wenn die Touristen kommen.k-07 val ferret

19 Uhr und Hunger. Ab zu Giulietta und ihrem Kaninchen in Senfsauce. Leider ist die Küche auch geschlossen (wie auch der Käsestand). Vor dem 15.6. sind die Touristen rar hier in 1640 Meter Höhe. Immerhin hat sie einen Apfelkuchen und einen italienischen Brandy, der mich mit allen Leiden der letzten neunzig Minuten versöhnt.

Um 20:30 Uhr fällt die Kälte vom Mont Blanc direkt auf den Zeltplatz, um 21:30 Uhr lieg ich gut bekleidet im Zelt, um 21:45 meldet sich ein Krampf im rechten mittleren Zeh. Um 22:05 Uhr gibt er Ruhe. Um 22:06 Uhr fängt der linke mittlere Zeh an zu zucken.
Du Idiot, warum bist du nicht in ein Hotel? Da ist es warm, da läufst du ein paar Runden um den Teppich und schon liegst du wieder mollig im Bett.
Ich greif mir die Motorradkleidung und schichte – die Hose über die Beine, die Jacke über den Oberkörper – und denke an die Bar Mont Dolent, wo man im Sommer in der warmen Sonne abspannen kann.k-07a

 

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